Montag, 21. November 2011

Was sind wir alle hip!

Schon Freitagabend laufen in Kreuzberg auffällig viele hippe junge und nicht mehr ganz so junge Männer und Frauen mit den auffällig unhippen braunen Papiertüten herum, die jeden darüber informieren, dass es auch in Tel Aviv eine Filiale von American Apparel gibt. Berlins Hipster können sich besonders glücklich schätzen. In der Stadt gibt es gleich zwei Läden der Marke. Und dieses Wochenende wird es noch hipper: In der Arena in Treptow findet ein American Apparel Warehouse Sale statt. Wer in der hippen Szene nicht schon über einen der zahlreichen Modeblogs oder die Ankündigung auf FluxFM informiert war, der kann das Event des Wochenendes spätestens dann nicht mehr verpassen, nachdem 5.000 Freunde auf Facebook ihre Anwesenheit bei ebendiesem angekündigt haben. Also, Doc Martens schnüren, den alten Parka anziehen, die ironische Bommelmütze aufsetzen und nix wie hin. 
Am Eingang zur Halle ist eine Schlange. Nicht weil der Andrang so groß ist, sondern weil zwei Sicherheitsleute den Inhalt aller Taschen kontrollieren. Und welcher Hipster geht schon ohne das richtige Accessoire in Form einer coolen Tasche aus dem Haus?! Wonach eigentlich gesucht wird, wird beim Blick auf das Arsenal der Club Mate-Flaschen vorm Eingang klar. Keine Getränke also. Wieso auch sollte das Shoppen am Sonntag eine andere Erfahrung sein als das Clubben am Vorabend. Aufgebrezelt sind schließlich auch alle. Der einzige Unterschied zu Samstagabend ist die Tatsache, dass die Club Mate gerade nicht mit Wodka gemischt ist.
Kaum durch die Taschenkontrolle wird man auf der anderen Seite der Tür von einem durchgestylten jungen Mann mit Clipboard überfallen, der unbedingt die E-Mailadresse haben möchte. Natürlich spricht er Englisch. Hierfür schlägt er einen fairen Tausch vor: E-Mailadresse gegen 20-Prozent-Gutschein für den nächsten Einkauf. Dagegen wehrt sich keiner.
Dann beginnt der Kampf um goldene Glanzleggins, rosafarbene Nylonjacken und viele undefinierbare aber auf jeden Fall ganz ironisch gemeinte und Unisex tragbare Kleidungsstücke. Umkleidekabinen sind was für Landeier. Der echte Mitte-Hipster probiert den textmarkerfarbenen Hoodie, das glitzernde Tube Dress und die transparente Emergency Jacket einfach mitten in der Halle an, während er sich mit seiner Begleitung weiter über die nächste Kampagne oder den nächsten Dreh unterhält.
Auf dem Weg zu Kasse werden die erfolgreichen Shopper über Metallgitter, die man sonst eher von Konzerten kennt, noch an einer Bar vorbeigeleitet, an der eine hippe junge Frau kostenlose Biolimonade mit Rhabarbergeschmack austeilt. Nach einer weiteren Taschenkontrolle am Ausgang werden die Hipster mit ihren braunen Papiertüten in einer und der Biolimonade in der anderen Hand in den Sonntagnachmittag entlassen. Schon zwei Straßenecken weiter ist der Post über das sonntägliche Shoppingerlebnis per iPhone hochgeladen. Natürlich nicht ohne Hipstamatic-Foto.