Freitag, 3. Juni 2011

Bericht aus Neukölln - Mein Hof ist ein Radio

Neues von unserer Neukölln-Korrespondentin Jana


Manchmal läuft echt gute Musik! Aber ein Innenhof in der Sonnenallee ist natürlich kein ganz normaler Radiosender, etwa mit Nachrichten, redaktionelle Beiträge zu aktuellen Themen und ausgewählter Musik. Hier wird auf einer anderen Welle gefunkt. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob sich alle am Programm Beteiligten darüber im Klaren sind, dass alle Hausbewohner, die ein Fenster zum Hof haben, ihnen zuhören.

Am späten Abend läuft oft eine Diskussionsrunde, gesendet aus einer WG im Erdgeschoss. Der Empfang ist im zweiten Obergeschoss nicht mehr besonders gut, aber ich glaube, es geht dort unten um gesellschaftspolitische Themen. Wenn ich früh schlafen möchte, wünsche ich mir immer, ich könnte die Lautstärke regulieren, aber das  geht nur über das Öffnen und Schließen meines Fensters, und wenn das Wetter gut ist, muss das „Radio Innenhof“ eben an bleiben.

Habe ich also eine Nacht lang die laue Frischluft genossen, kommt es vor, dass der nächste Tag mit einem Beitrag aus dem Bereich „Psychologie“ beginnt. Meist geht es dann um Partnerschaftsprobleme und dysfunktionaler Konfliktlösungsstrategien. Wobei die Art und Weise, wie das Paar aus dem vierten Stock im Seitenflügel diskutiert, durchaus funktional ist – nämlich wenn es darum geht, die gesamte Hausgemeinschaft darüber zu informieren, dass die Kacke am Dampfen ist. Ein konkreter Anlass ist selten auszumachen. Was man vom Streit gut hören kann, sind nur die Höhepunkte gegenseitiger Diffamierungen, die gelegentlich darin enden, dass eine Wohnung- und kurz darauf die Haustür knallt. Oder es ertönt die Stimme des Nachbarn, der die Rolle des Paartherapeuten übernommen hat: „Schnauze!!“, brüllt er durch den Hof, wenn ihm die Diskussion zu lange dauert.

Spätnachmittags gibt es regelmäßig multikulturelle Beiträge, etwa über Freizeitaktivitäten von Austauschstudenten aus Mittelmeerländern. Diese werden klischeegemäß lautstark diskutiert, entweder in Kleingruppen oder am Handy (oder beides), in jedem Fall aber unten im Hof beim Fahrradständer. Schade, dass mein Spanisch so schlecht ist, sonst könnte ich hier womöglich gute Tipps für die Abendplanung bekommen.

Da ich mich allgemein für medizinische Themen interessiere, könnte man meinen, dass mir die entsprechenden Kurzbeiträge eines Nachbarn aus dem Hinterhaus gefallen. Leider ist hierbei aber das Verhältnis von sachlichen Wortbeiträgen und veranschaulichenden Klangbeispielen ziemlich schlecht. Ich habe – trotz wirklich häufigen Zuhörens – immer noch nicht verstanden, was hinter den Geräuschen steckt, die der gute Mann von sich gibt. Ist es eine chronische Bronchitis? Eine anhaltende eitrige Nebenhöhlenentzündung? Oder doch eine Tic-Störung (auch bekannt als „Tourette-Syndrom“), bei der der Betroffene wiederholt Dinge tut, die sozial völlig unangepasst sind, also störend oder gar abstoßend wirken – und all das unwillkürlich und womöglich unbewusst! Alles in allem scheint der Patient einen aggressiven Kampf gegen den Inhalt seiner Atemwege zu bestreiten…

Sehr abwechslungsreich ist beim Innenhof-Radio ist übrigens die Musikauswahl. Häufig zelebriert ein Bewohner den Sonntagvormittag (nicht immer zu einer Zeit, da auch die jungen Nachbarn schon ausgeschlafen haben…) mit ein paar Schmankerln aus seiner Plattensammlung. Oder ist es eine Sammlung von mp3-Dateien von einer Download-Seite für „möglichst gleichförmig klingende, durch die Mainstream-Mühle gedrehte Pop- und Rocksongs farbloser Interpreten“? Nun ja, laut ist es, immerhin. Manchmal schwenkt das Programm dann noch über zu Schlagern (ebenfalls unbekannte Titel), bevor der Respekt vor den Mitmenschen überraschend wieder einsetzt und die Musik verstummt.
  
Ein anderer DJ ( – ist es ein anderer? Der Sound ist genauso durchdringend wie der des Sonntagsprogramms…) legt manchmal Songs von den Libertines, den Beatsteaks oder anderen Bands auf, die zufällig meinem Musikgeschmack entsprechen. Meine Lieblingssendung! Wenn ich doch nur einen dankbaren Hörerbrief schreiben könnte… aber ich weiß nicht, wo der Urheber wohnt.
Zur Entspannung nach dem Mittagessen gibt es regelmäßig eine wunderbare Live-Show: Im Hinterhaus wohnt ein Pianist, der die Zuhörer an seinen Übungsstunden teilhaben lässt. Da lasse ich gern meine Stereoanlage aus und lausche bedächtig, wie er ein hübsches Barockstück einstudiert. Es ist übrigens immer dasselbe Werk… Vielleicht ist dieser Beitrag auch dazu gedacht, geneigten Zuhörern das Meditieren zu nahezubringen!
Neulich habe ich mich getraut, selbst eine Darbietung über den Äther zu schicken: Bei offenem Fenster habe ich gesungen, Gitarre gespielt und den Widerhall von den angrenzenden Häuserwänden genossen. Ob dem Publikum meine Musik wohl gefallen hat? Wortbeiträge von Hörern sind noch selten bei uns im Innenhof. Vielleicht kommen die ja in Zukunft – hoffentlich in Form positiverer Kommentare als „Schnauze!!“…

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