Mittwoch, 18. Mai 2011

Kiffen und Kunst – die besetzte Stadt


Besonders beeindruckt hat mich in Kopenhagen die Stadt in der Stadt: Christiania. Da in Berlin vor kurzem auch das besetzte Haus in der Liebigstraße weichen musste, ist es um so erstaunlicher, dass es in Kopenhagen ein so großes autonomes Gebiet gibt – Wikipedia zu Folge 34 Hektar. Seit den Siebzigern ist hier ein ganzer Stadtteil besetzt und auf der Stadtkarte nur als grauer Fleck eingezeichnet. Eine Karte wäre auch schwierig, bei den vielen kleinen Wegen und selbstgebauten Holzhütten, für die niemals jemand eine Baugenehmigung beantragt hat... Da man dort eigentlich nicht fotografieren soll (es gibt jede Menge Verbotsschilder), stelle ich mir vor, dass auch Vermesser nicht besonders willkommen sind. Tagsüber kann man sich als Tourist in der Freistadt ganz angstfrei bewegen – wenn man nicht gerade die Bewohner beim Drogenhandel fotografiert. Wie es nachts dort ist, kann ich nicht sagen... hat das von euch schon jemand ausprobiert?!
Außer dem auf fahrbaren Ständen verkauften Gras und den vereinzelten alkoholisierten Auf-dem-Boden-Schläfern gibt es in Christiania aber vor allem eines: Kunst. Alle Hauswände und Mauern sind bunt bemalt, überall haben die Bewohner Skulpturen aufgestellt und viele der Häuser sind architektonische Meisterleistungen – wenn auch ein bisschen wackelig aussehend. Auf dem Hauptplatz werden selbstgefertigte Klamotten und Kunsthandwerk verkauft und es gibt Jazzclubs und vegetarische Restaurants. Es geht hier also nicht nur um Drogen, sondern um eine alternative Lebensweise, zu der auch Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit gehören. Auf Mülltrennung wird großen Wert gelegt, und daher ist es auch erstaunlich sauber in Christiania – so ganz ohne staatliche Müllabfuhr. Allerdings könnten die überall frei herumlaufenden Hunde vielleicht den ein oder anderen abschrecken. Es gibt übrigens durchaus ein paar Regeln, zum Beispiel das Verbot von harten Drogen und von Gewaltanwendung, die bei Sitzungen im Versammlungsaal besprochen werden.




Ich persönlich fand den besetzten Stadtteil unglaublich interessant. An jeder Ecke gibt es kleine Details, die die (möglicherweise durch bewusstseinserweiternde Substanzen unterstützte) Kreativität der Aussteiger zeigen. Auf kleinstem Raum hat sich eine riesige Menge an Urban Art angesammelt und die Atmosphäre ist trotz der immer zahlreicheren Touristen anders als ich es jemals irgendwo anders erlebt habe. Ich kann gut verstehen, dass die Stadt Kopenhagen das autonome Gebiet noch nicht hat räumen lassen – sie weiß wohl, dass sie da ein ganz besonderes, lebendiges und sich ständig veränderndes Museum und soziales Experiment besitzt.

                                                                     [der Ausgang]

1 Kommentar:

  1. ich war leider auch nur tagsüber dort...und fand es auch toll. wie ihre fahrrad-idee, die "christiana bikes", die ja fast "ubezahlbar" sind hier...

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