Montag, 25. April 2011

Roadtrip an die Nordsee

An sich bin ich ein großer Fan von Roadtrips. Allerdings sollten dabei ein paar Dinge erfüllt sein: Nette Mitfahrer, interessante Umgebung, spannendes Ziel. Nichts davon wurde bei meinem Roadtrip an die Nordsee letzte Woche erfüllt.

Man bei solchen Fahren auch was zu sehen bekommen, egal ob das nun in Australien tote Kängurus am Straßenrand und atemberaubende Landschaften rechts und links der Straße sind oder wenigstens ein paar spannende Pflanzen und süße Cafés in den Bergen von Teneriffa oder Gran Canaria. Man sollte etwas mehr oder weniger Ungewöhnliches erleben oder wenigstens, wie in den USA, alle paar Minuten bzw. Meilen die Möglichkeit haben, eine unfassbar fettige Mahlzeit in einem der vielen vielen Fastfoodrestaurants einzunehmen, die es in Europa gar nicht gibt.

Mein Roadtrip letzte Woche, der mich 70 km entlang der B73 vom Landkreis Stade in den Landkreis Cuxhaven führte, gehört nicht zu der interessanten Sorte Roadtrips. Es war eine langweilige Autofahrt einer schlechten Autofahrerin durch eine langweilige Gegend.

Schon die Planung dieser „Reise“ gestaltete sich nicht ganz einfach:

Telefonat mit meiner Mutter Anfang April 


„Mama, ich brauche am Mittwoch vor Ostern ein Auto.“ – „Das geht nicht, da sind wir in London.“ – „Aber doch nicht mit beiden Autos. Ihr fahrt doch nicht mit beiden Autos zum Flughafen.“ – „Nein, aber mein neues Auto kannst du nicht fahren.“ – „Wieso, ist der irgendwie anders als die vorherigen Tourans?“ – „Ja, der hat sechs Gänge.“ – „Aha.“ – „Und, das kannst du nicht!“ –„Dann lasst mir doch den Golf da, mit dem kann ich fahren.“ –„Mmmh.“ –„Ihr könnt doch einfach mit dem Touran zum Flughafen fahren und ich nehme den Golf.“ - „Kannst du nicht Gründonnerstag fahren?“ – „Nein, das Bewerbungsgespräch ist aber Mittwoch.“ – „Können die das nicht Donnerstag machen. Das würde besser passen.“ – „Wieso? Willst du mich dann da hinfahren? So wie zur mündlichen Abiprüfung?“ – „Ganz bestimmt nicht!“ – „Na dann kann ich ja auch am Mittwoch mit dem Golf fahren.“


Zu diesem Thema sollte man wissen, dass mir meine Eltern, seit ich vor acht Jahren einmal durch die praktische Fahrprüfung gefallen bin, mit einem Auto keine zwei Meter über den Weg trauen.

Gespräch mit meiner Mutter am Sonntag vor Ostern:

„Weißt du schon, wie du Mittwoch fährst?“ – „Nee, ich wollte mal auf Google Maps gucken.“ – „Ja, also fährst du B73?“ – „Weiß nicht. Eigentlich nicht. Die mag ich nicht so gern.“ – „Ja, wie willst du denn dann fahren?“ – „Ich dachte, ich fahr einfach immer am Deich lang. Dann muss ich doch irgendwann an der Elbmündung ankommen.“ – „Da ist aber Montag und Dienstag die Straße gesperrt.“ – „Aber ich fahr doch erst Mittwoch.“ – „Ach ja. Fahr doch Autobahn.“ – „Ich fahr doch nicht Autobahn! Das kann ich gar nicht.“ – „Das ist doch eine Dorfautobahn. Die fahr sogar ich.“ – „Aber kann ich nicht einfach in Buxtehude auf die B73 fahren.“ – „Nee, es ist besser, du fährst über die Autobahn auf die Bundestraße.“ – „Aber wie komme ich denn zur Autobahn?“ – „Ach Kind, den Weg nach Mittelnkirchen kennst du doch?“ – „Vielleicht? Ich kann ja nochmal bei Google Maps gucken…“ – „Oder du nimmst unser Navi?“ – „Oh ja, das ist eine gute Idee.“ – „Kannst du denn damit umgehen?“ – „Joa.“ – „Hast du das schon mal benutzt?“ – „Ja, in Amerika, oder?“ –  „Du musst schon wissen, wie man das bedient.“ – "Das kriege ich schon irgendwie hin." - „Ja, mein Gott, du musst es schon bedienen können.“ – „Ich habe schon mal ein Navi bedient. Das von John.“ – „Dann muss Papa es dir geben.“


Natürlich hat Papa es mir nicht gegeben. Ich habe mir auf Google Maps eine Route herausgesucht und diese sofort gefunden. Ich habe die Fahrt auf der Autobahnfahrt auf dem kürzesten Autobahnabschnitt der Welt überlebt und die 57 km lange Fahrt auf einer von Deutschlands gefährlichsten Bundesstraßen. Und zu Deutschlands langweiligsten Bundesstraßen zählt sie sicher auch.

Da entlang der Straße alle paar Kilometer ein neues nichtssagendes Geestdorf liegt, kann man noch nicht mal schnell fahren. Und zwischen den Dörfern ist auch nie so richtig klar, ob man nun eigentlich 70 oder 100 fahren darf. Oder eben doch nur 30, weil gerade irgendwas gebaut wird. Irgendwas wird ja immer gebaut. Tote oder lebendige Tiere habe ich nicht gesehen. Noch nicht mal ein Schaf! Außergewöhnliche Fastfoodrestaurants wie in den USA sind leider ebenso wenig zu finden. Immerhin erkannte ich in einem der nichtssagenden Dörfer die Pommesbude wieder, an der ich im Bundestagswahlkampf 2005 gemeinsam mit dem Landkreisjuso nach einer Wahlkampfveranstaltung in irgendeinem anderen Geestdorf gegessen habe. Auch die Unterhaltung auf den zehn im Raum Hamburg vorhandenen Rock- und Popradiosender mit dem besten aus drei bis vier Jahrzehnten bot wenig Ablenkung auf der Autofahrt. Denn alle zehn Sender spielten immer abwechselnd folgende zwei Lieder: „Grenade“ von Bruno Mars, von dem mir meine Mutter vor einigen Tagen erzählt hatte, dass es auf der Beerdigung eines Schülers gespielt wurde, der mit einem Trecker ums Leben gekommen ist, weswegen es für mich nun für immer ein Beerdigungslied sein wird, und „Bye bye Hollywood Hills“ von Sunrise Avenue, bei dem ich jedes Mal wieder feststelle, dass der finnische Sänger einen seltsamen Akzent im Englischen hat.

Also blieb mir nichts anderes übrig, als meine einzige aus Berlin importierte CD zu hören. In Papas Auto ist die CD -Auswahl für Menschen unter 70 wenig ansprechend, seit mein Bruder nicht mehr zu Hause wohnt und die Autos meiner Eltern mit Musik versorgt. Meine CD war Nummer 5 einer „Best of Musical“-Kollektion, die ich neulich für sieben Pfund in London bei HMV gekauft habe. Und so hat mir der kleine Roadtrip neben etwas Fahrpraxis immerhin eines gebracht: gefestigte Textsicherheit bei „Tomorrow“ aus Annie und „Maybe this time“ aus Cabaret!

Kommentare:

  1. Da stimmt aber einiges nicht!
    Es liegt nicht an der einen durchgefallenen Führerscheinprüfung, sonst dürfte dein Bruder überhaupt nicht Auto fahren. Ich sage nur Carport, oder Gran Canaria: 'Ich kriege den 3. Gang nicht rein'.
    CDs gibt es in diesem Haus über Hundert, im Wohnzimmer und im Zimmer deines Bruders.
    und...

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  2. Da ich weiß, wer hier schreibt... Hat nicht jeder mal klein angefangen und selbst die Eltern sind nicht Unfallfrei. Erfahrungen muss man machen und dann wieder aufsteigen. Wenn meine Eltern mich nach meinen 4(!) Jahren Probezeit bewerten würden... Find es aber lustig, dass man mit nem zusätzlichen Gang nicht klar kommt. Wenn nicht, benutzt man ihn einfach nicht. Hab das eher bei meiner Mutter erlebt, dass sie sich gegen den 5. Gang wehrt, da man ja Trabigeschädigt ist.

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  3. Danke! Das war mal wieder ein sehr unterhaltsamer und spannender Blog. Man merkt einfach, dass Du schon viel in der Welt herumgekommen bist. Und die fiktiven Dialoge mit der Mama: Ich werf mich weg!

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  4. Die Dialoge sind vielleicht gekürzt, aber nicht fiktiv.
    Die Mama

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