Montag, 4. April 2011

Moderne Zeiten im Theater


Ich muss etwas gestehen: Ich bin ganz konservativ! Furchtbar unmodern. Unfassbar uncool. Wenig fortschrittlich. Sondern total spießig und konservativ. Nein, das betrifft weder mein Wahlverhalten oder meine Vorstellungen von einem anständigen Mittagessen noch meinen Kleidungsstil oder meine Wertesystem. Es betrifft hauptsächlich, wenn nicht sogar ausschließlich, meinen Theatergeschmack.

Ja, ich weiß. Ich bin 25 Jahre jung und sollte es wahrscheinlich total geil finden, wenn Schauspieler auf der Bühne splitterfasernackt kotzend schreiend kopulieren und dabei gekochte Spagetti in den Publikumsraum werfen. Meine Lehrer haben in der Schule wirklich alles dafür getan, dass ich so früh wie möglich an Inszenierungen jeglicher Klassiker in dieser Art und Weise gewöhnt wurde. Im Hamburger Schauspielhaus wurde bei Romeo und Julia die Gouvernante vergewaltigt und im Thalia Theater ein paar Straßen weiter war Viel Lärm um nichts ein einziger Gang bang. Hätten wir die Stücke nicht vorher im Deutschunterricht gelesen oder im Darstellenden Spiel selbst aufgeführt, wären wir wohl noch ratloser gewesen, als wir es eh schon waren. Die Lehrer mittleren Alters waren von diesen Inszenierungen irgendwie immer viel begeisterter als wir Schüler im Teenageralter, die sich so als wahre Spießer entpuppten.

Scheinbar sind Menschen im Alter meiner Eltern viel offener für modernes Theater als unsere Generation. Diese – von mir einfach mal so in den Raum gestellte – Theorie wurde zumindest bei meinem letzten Theaterbesuch am Freitagabend in den Berliner Sophiensaelen bestätigt. Während meine Begleitung mir regelmäßig „Sara, du bist so was von tot“ rüberzischte, weil es schon das zweite Mal war, dass ich ihn eine weniger überzeugende Inszenierung mitgenommen habe, waren diejenigen im Publikum, die an meiner Meinung nach überhaupt nicht witzigen Stellen lachten, alle über 50! Ich war eigentlich nur dort, weil ich jemanden kannte, der an der Produktion des Stückes beteiligt war. Und da ich ja selbst auch immer erwarte, dass mich mein gesamter Freundeskreis auf der Bühne bewundert, wenn ich mal irgendwas spiele, war es nur fair, die zehn Euro für eine Studentenkarte zu investieren und dem modernen Theater mal wieder eine Chance zu geben. Es hätte ja auch inspirierend sein können. Oder spannend. Oder lustig.

Es war nichts von alledem. Es war ein Eine-Frau-Stück, also ein 90-minütiger Monolog. Die Hauptdarstellerin, die ich bereits vor fünfeinhalb Jahren als blondes Schneewittchen auf der gleichen Bühne gesehen hatte, tauchte dann gestern als Sprechstundenhilfe im Berliner Tatort auf. Wie klein die Welt doch immer ist. Sex gab es mangels Sexualpartner auf der Bühne nicht. Dafür aber ordentlich Bier, Zigaretten, ein Schnitzel, das vom Boden gegessen wurde, Ketchup, der großzügig auf dem Bühnenboden verteilt wurde, mehrmaliges offenherziges Umziehen der Protagonisten auf der Bühne und einen Rasensprenger, der die gesamte Bühne unter Wasser setzte. Am interessantesten fand ich die drei Staubsauger, die später zum Einsatz kamen, um die Bühne wieder trocken zu legen. Ich bin nicht sehr technikinteressiert, muss man dazu sagen… Aber mit dem Text konnte ich einfach noch weniger anfangen als mit den Staubsaugern. Vielleicht bin ich zu jung? Vielleicht habe ich das falsche Fach studiert?

Morgen gehe ich wieder ins Kino. Da weiß ich, was ich habe!

Kommentare:

  1. Sehr schön... vielleicht ist das der Grund, warum ich so selten ins Theater gehe, ohne dass es mir bisher bewusst war.
    Besonders gefallen mir hier
    - die ersten Zeilen
    - der letze Satz
    - und der Hinweis darauf, dass du einen bestimmten Autoren nicht nur magst, sondern auch hübsch seine Ansichten teilst (und ich damit auch). http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2002/1214/magazin/0065/index.html (Nach der vergleichenden Lektüre eurer Ausführungen frage ich mich nun, ob er und du der selben Generation angehört.)

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  2. Wie schön, die Kolumne von Maxim Leo kannte ich ja noch gar nicht! Danke!

    Für alle Blogleser: Ich bin nicht antiautoritär erzogen worden und ich fühle mich der FDP NIEMALS nah. Trotzdem habe ich Filmwissenschaft studiert und gucke auf der Bühne am liebsten Musicals.

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  3. Es ist auf den ersten Blick erstaunlich, dass gerade Menschen 50+ davon begeistert sind. Allerdings ist diese Generation snicht generell aufgeschlossener, sondern die aufgeschlossenen Leute sind einfach hauptsächlich in dieser Altersstufe zu finden. Ich schätze mal, dass da der Geist von 68 ne Rolle spielt.

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