Mittwoch, 20. April 2011

In der norddeutschen Provinz



Auch wenn meine langjährige Freundin Jana, mit der ich schon zusammen in Buxtehude zur Schule gegangen bin, vor einiger Zeit versuchte, meinen Ex-Freund, einem echten Berliner, davon zu überzeugen, dass Buxtehude keine Provinz sei, sondern eine aufstrebende Kleinstadt, bin ich trotz Heimatverbundenheit der Überzeugung: Natürlich ist Buxtehude Provinz.
Es gibt selbstverständlich noch viel schlimmere Provinz: alle Gegenden, die nicht in S-Bahn-Nähe einer deutschen Großstadt liegen, zum Beispiel. Und allen voran die Region, in der meine Großeltern gelebt haben - im niedersächsischen Niemandsland hinter Uelzen, direkt an der früheren innerdeutschen Grenze. Das liegt wirklich der Hund begraben. In Buxtehude bellt er bloß mit dem Schwanz. Das ist natürlich besser. Provinz sind die mittelalterliche Stadt und der umliegende Landkreis trotzdem.

Macht ja nix. Das Leben in der Provinz hat wie alles seine guten Seiten: Die Ruhe - wenn man mal von den inzwischen auch hier weit verbreiteten gurrenden Tauben, dem Flugverkehr von und nach Fuhlsbüttel über der Terrasse und der Beschallung durch die Musikanlagen der vorbeifahrende Dorfjugend mit ihren tiefer gelegten Autos auf der Hauptstraße absieht. Die gute Landluft! Die wunderschönen blühenden Obstplantagen. Der Deich mit den Schafen. Und dem Jugend- und Frauengefängnis gleich nebenan.

Bei all der Idylle muss man dann eben damit leben, dass die Leute arrogant und schlecht erzogen sind. Warum die Berliner immer als unfreundlich und unhöflich betitelt werden, ist mir völlig unklar. Wenn ich das Haus verlasse und die Nachbarskinder mich nicht zurückgrüßen, obwohl sie mir mit ihrem komischen Arschwackelskateboard fast auf den Füßen stehen, als ich ins Auto einsteige, und das alte Ehepaar sich auf dem Wochenmarkt am Käsestand gnadenlos vordrängelt und dann noch völlig unverschämt reagiert, als ich sie darauf hinweise, dass wir schon seit zehn Minuten in der Schlange stehen. "Ach, das passiert jede Woche", sagt meine Mutter, "das machen die älteren Paare hier immer so!" Drei Meilen vor Hamburg, willkommen im Land der Unverschämtheit, oder wie?
Was soll man dazu noch sagen?! In Berlin grüßen mich in meinem Mietshaus mit mindestens 32 Mietsparteien alle zurück, wenn ich sie grüße, selbst wenn sie nur Besucher sind. Und das mit dem Vordrängeln würde sich wohl auch keiner trauen, weil er mit entsprechenden nicht all freundlich ausfallenden Konsequenzen zu rechnen hätte, nicht nur im Wedding.

Aber es hat sicher seinen Grund, dass die Menschen hier nicht vor guter Laune strotzen. Das Leben hier ist gefährlich und die Sterblichkeit hoch. Wessen Gesundheit den zwei Atomkraftwerken auf beiden Elbseiten und den Spritzmitteln der Obstbauern trotzt, der ist vor allem als Jugendlicher immer noch den Gefahren der kurvigen Landstraßen, dem Bewässerungssystem auf den Obstplantagen und den wild herumfahrenden Traktoren ausgesetzt. Da kann es immer mal vorkommen, dass man einen Partyabend nicht überlebt. Schockierenderweise muss ich auch hier sagen: Wenn ich in Berlin besoffen umfalle, ist die Wahrscheinlichkeit, dass mich jemand findet, bevor ich erfroren bin, zum Glück wesentlich höher. Wirklich: Ich finde es immer wieder schlimm, was hier passiert. Ich ziehe meine Kinder später lieber nicht auf dem Land groß. Viel zu gefährlich!


Ist ja klar, dass man für eine so wunderbare Gegend auch einiges bezahlen muss. Nachdem mein Freund und ich uns mangels Alternativen am Samstagabend ins Cinestar in Stade aufgemacht hatten, erlitt mein Freund einen großen Schock. Das Kino ist quasi das einzige im Landkreis. Das winzig kleine City-Kino in Buxtehude hat, seit ich Abi gemacht habe, mindestens einmal geschlossen und wiedereröffnet. Aktuelle Filme werden dort eigentlich nie gezeigt. In Stade hatten wir immerhin die Möglichkeit, „Ohne Limit“ zu gucken. In Berlin wäre der Film nicht meine erste Wahl gewesen. Hier war es die Alternative zum öffentlich-rechtlichen Fernsehabend mit meinen Eltern. Im Kino sagte mein Freund großzügig: „Ich lade dich ein!“ Und ich sagte: „Das wirst du bereuen!“ Im Cinestar Stade gab es nie einen Schüler- oder Studentenrabatt und es wird ihn auch niemals geben. Wieso auch? Gibt’s in Stade Studenten? Nachdem mein Freund fassungslos 18 Euro bar (Kartenzahlung gibt’s nicht) für zwei Kinokarten für einen Film ohne Überlänge hingelegt hatte, wurde er ganz bleich und musste am Snack- und Getränkestand erschüttert feststellen, dass unser Kleingeld nur noch für ein Getränk reichte, weil wir uns den Super-Deal von Bier und Nachos einfach nicht mehr leisten konnten. Auch das anschließende „Lass uns doch noch was trinken gehen“ in der Stader Altstadt musste ausfallen. Nicht weil wir pleite waren – die Automaten der Sparkasse Stade-Altes Land hätten mir noch Geld geben können – sondern wegen „Tote Hose“ in der Innenstadt. Die meisten Kneipen hatten um halb zwölf schon zu. Die einzigen Menschen, die uns über den Weg liefen, waren ein Junggesellenabschied mit einem uralten Bräutigam, dem ich für 50 Cent ein Kondom abkaufen musste (war ja sonst niemand mehr wach) und ein betrunkenes Paar mittleren Alters, die uns fragten „Wo seid ihr denn wech?“ – womit mein Freund immerhin noch in den Genuss einer wunderbaren Lektion Norddeutsch kam, bevor wir uns auf die 20km lange Heimfahrt entlang des Elbdeichs begaben - ein landschaftlich schöne Strecke, versteht sich!

Kommentare:

  1. Eine wahrhaft gelungene Mischung aus Heimatverbundenheit und... gesunder Distanz. Nicht verklärt und nicht verbittert. Sehr schön, Fräulein Großstadtbraut vom Lande! ;)

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  2. "wo seid ihr denn wech?" - herrlich, den werde ich mit merken, kann durchaus nützlich sein. ;) besonders bemerkenswert finde ich, dass die leute in buxtehude noch unfreundlicher sind als hier in berlin - obwohl das sicher situtationsabhängig ist. heute erst, beim fischbrötchenstand im kadewe, drängelte sich ein pärchen ü70 einfach so von rechts an uns wartenden vorbei, um dann sofort zu bestellen. aber das waren sicher touristen - aus buxtehude! ;)

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  3. Wie könnt ihr behaupten, dass es in Stade keine Studenten gibt? Seit 2006 gibt es eine Fachhochschule in Stade im CFK Valley. Und seit langem die Hochschule 21 in Buxtehude.

    Nebenbei: In Harsefeld gibt es das Nostalgiekino mit anspruchsvollen aktuellen deutschen Filmen, die vielleicht erste Wahl für euch sein sollten.

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