Sonntag, 17. April 2011

Hamburg, meine Perle


Am Freitag hat es mich bewerbungsbedingt zum ersten Mal in eine Stadt verschlagen, die ich sehr gut kenne. Nein, das ist ehrlich gesagt gelogen: Ich kenne nur den Weg vom Hauptbahnhof zum Rathaus, zur Alster und zu den wichtigen Kunstmuseen. Na ja, und auf dem Kiez bin ich bislang auch noch nie verloren gegangen.
Aber was ich damit eigentlich sagen wollte, ist, dass ich mit Hamburg eine Menge verbinde. In gewisser Weise ist Hamburg für mich genau das, was Hannover für mich nie war –meine Landeshauptstadt. Obwohl man einen in Hamburg geklauten Airbag bei der Polizei in meinem Heimatort nicht melden kann, weil die niedersächsische und die Hamburger Polizei nicht miteinander kooperieren. Egal: Hamburg bedeutet für mich Heimat.


Trotzdem habe ich mich auf dem von Google-Maps mit zwölf Minuten berechneten Fußweg zum Assessment Center eines großen Versorgungsunternehmens so sehr verlaufen, dass ich irgendwann beim Großmarkt ankam und nicht mehr so ganz überpünktlich war wie ursprünglich geplant. Also kam ich leicht verspätet in einen Raum voller perlensteckerohrringtragender Frauen. Wirklich: Die Praktikantin der Personalabteilung, die Personalrätin, und fünf der sechs weiteren Bewerberinnen trugen alle Perlenohrringe. Stand das in der Einladung? Hatte ich mich sofort disqualifiziert mit meinen selbstgebastelten Ohrringen? War das in Hamburg die einzig zulässige Ohrschmuckversion?


Nein, es wurde noch schlimmer. Nicht nur die Ohrringauswahl schien mich zu unterscheiden, auch die Ortskenntnis fehlte mir. Hätte ich das gewusst, hätte ich mir vorher noch den Wikipediaeintrag zur Freien und Hansestadt durchgelesen. Oder wenigstens ein bisschen N3-Fernsehen geguckt. Aber wer hätte das ahnen können? Ich dachte, es ginge um meine Fähigkeiten und Fertigkeiten in den Bereichen PR und Unternehmenskommunikation…

Der erste Aufgabenteil war ein Wissenstest. Schon beim Begriff wurde mir Angst und Bange. Nach Fragen zu aktuellen Ereignissen wie dem Erdbeben in Japan, der Diskussion um E10 und den andauernden Streiks der Lokführer war mein Hamburgwissen gefragt. Wie mein Genosse der neue Hamburger Bürgermeister heißt, wusste ich gerade noch. Was seine erste bedeutende Amtshandlung war, nicht! Meine Eltern, die immerhin hier in der Region wohnen, übrigens auch nicht. Weiß es von euch jemand?
Die beiden größten Hamburger Tageszeitungen kenne ich auch. Aber wie heißen die Senatoren in der neuen Regierung? Was weiß ich?! Zwei Sehenswürdigkeiten in der Stadt? Alster? Oder? Nee, vielleicht lieber Hafen! Hafen ist gut. Und sonst? Reeperbahn? Gilt das als Sehenswürdigkeit? Find ich schon. Na ja, gut, falls es ihnen nicht gefällt, schreibe ich halt noch Rathaus hin. Aber das ist irgendwie langweilig. Ein Rathaus hat ja nun wirklich jede Stadt. Zwei wichtige Daten in der Geschichte der Stadt? Wirklich keine Ahnung! Bei Berlin wäre das alles wesentlich einfacher! Hätten sie nicht nach zwei Songs von Lotto King Karl, zwei Kneipen auf dem Kiez oder zwei guten Shops auf der Spitaler Straße fragen könne.


Also tat ich das, was ich schon zu Schulzeiten in Bioklausuren immer gemacht habe: Raten und Geschichten ausdenken. Einfach irgendwas schreiben. Könnte ja hinhauen. Da ich den Biogrundkurs in der 12. und 13. Klasse nur belegen musste, weil man nun mal vier Semester eines naturwissenschaftlichen Faches ins Abitur einbringen musste, habe ich die zwei Stunden am Donnerstagmorgen gemeinsam mit zehn anderen biologisch völlig desinteressierten Schülern immer damit verbracht, unseren Lehrer vom Unterricht abzulenken. Er mochte seine Kollegen nicht, den Schulleiter nicht und die Schulpolitik nicht. Insofern war es ziemlich einfach ihn auf andere Themen als Photosynthese oder Ökologie oder was auch immer wir damals eigentlich behandeln sollten, zu bringen. In den Klausuren hatte ich dann keine Ahnung von nichts und schrieb einfach davon, wie man Äpfel züchtete. Ich arbeitete damals als Babysitter auf einem Altländer Obsthof und die Obstbäuerin, auf deren Kinder ich aufpasste, hatte mir ein paar Tage vorher etwas zur Apfelzucht erklärt. Das hatte zwar nichts mit dem eigentlich Thema der Bioklausur zu tun, brachte mir dennoch einige Kreativitäts- oder Mitleids- oder Fleißpunkte. Und irgendwie habe ich die auch dieses Mal wieder bekommen.

 

Als erste Amtshandlung von Olaf Scholz riet ich einfach mal die Abschaffung der Studiengebühren. Hätte ja sein können, hätte doch zu sozialdemokratischer Politik gepasst. Historisches Ereignis in Hamburg? Mmmmmh. Ich war 1991 zum ersten Tag der Deutschen Einheit mit meinen Eltern mal bei den Feierlichkeiten in der Hamburger Innenstadt. Daran konnte ich mich gerade so erinnern. Mein Bruder und ich hatten haufenweise Aufkleber aller Hamburger Radiosender mitgenommen und unsere Spielzeugkisten damit beklebt. Sicher kein weltbewegender Tag für Hamburg. Aber immerhin war ich dabei. Dafür gab’s sicher einen Gnadenpunkt. Denn morgen darf ich zum Recall!

Kommentare:

  1. Glückwunsch und viel Erfolg morgen!!!
    Falls du demnächst Perlenohrstecker brauchst, ich hab hier noch welche rumliegen... :)

    AntwortenLöschen
  2. Danke für das Angebot! Ich habe mir tatsächlich selbst mal welche für 2,95 Euro bei Bijou Brigitte gekauft. Die mache ich dann rein, falls ich zur Bank nach München eingeladen werde...

    AntwortenLöschen
  3. Welche Farbe hatten die Perlen? Das ist bestimmt ein Personalertrick um dir unterschwellig was zu signalisieren. Die haben es da faustdick an den Ohren...

    AntwortenLöschen
  4. Ja, die hatten es wirklich faustdick hinter den Ohren. Ich hatte gestern zeitweilig den Eindruck, ich würde mich als Pressesprecherin und Marketingexpertin in Personalunion der Bundesregierung bewerben und nicht als 18-monatige Auszubildende für ein 2.400 Mitarbeiter großes Unternehmen.

    Die Ohrringe waren alles solche (Pseudo)-Süßwasserzuchtperlen, also off-white. Meine Ohrringe waren durchsichtig mit einem Blauschimmer. Gestern trug ich dann weiße Perlen mit blauer Verzierung von Unikatkantine. Denn wie immer habe ich meine Ohrringe farblich ans Unternehmen angepasst.
    Mal sehen, ob's geholfen hat!

    AntwortenLöschen