Dienstag, 5. April 2011

The full-on Prenzlauer Berg experience

Seit über fünf Jahren wohne ich im Prenzlauer Berg. Und schon eine gute Weile länger ist der Prenzlauer Berg dafür bekannt und verschrien, dass hier die jungen kreativen Schwaben massenweise Kinder kriegen, ihre Lebensmittel ausschließlich in den zahlreichen Biomärkten kaufen  und den gesamten Tag lang Latte-Macchiato-schlürfend mit ihren Macbooks im Schoß in einem der unzähligen Szenecafés sitzen.

Was soll ich sagen: Es gibt Teile dieses Vorwurfs, in denen ich mich wiedererkennen kann. Ich bin jung. Ich bin kreativ (zumindest haben mir das meine Eltern als Kind immer Glauben gemacht) und ich trinke gern in einem der vielen Cafés Kaffee mit viel Milch und Milchschaum. Für das Schwäbische ist Katha zuständig... Das einzige, was mir zum völligen Prenzlbergertum also noch fehlt, sind das Macbook und das Kind. Derzeit plane ich, mir weder das eine noch das andere anzuschaffen.

Muss ich auch nicht. Mein pinker VAIO tut es derzeit auch. Und außerdem wird die Kinderquote in meinem Freundes- und Bekanntenkreis auch immer höher. An meinem freien Tag Anfang der Woche war ich eigentlich mit einer ehemaligen Kollegin und ihrer drei Monate alten Tochter zum Spazierengehen verabredet. Denn wie ich schon aus Erzählungen meiner eigenen Mutter weiß, gehört exzessives Spazierengehen zu den Hauptbeschäftigungen junger Mütter. Und weil ich als abschlussarbeitsschreibende Nicht-Mutter meinen Schreibtisch bzw. bei Sonnenschein meine eigenen Fensterbank kaum noch verlasse, war es naheliegend einfach mal mitzuspazieren.
Da uns das Wetter mit Regen einen Strich durch die Rechnung machte, entschieden wir uns kurzerhand für einen morgendlichen Cafébesuch am Arnmiplatz. Rund um den kleinen Park mit Spielplatz und Wiesen voller Hundekacke haben, seit ich 2005 hergezogen bin, mindestens vier Cafés aufgemacht. Der Prenzlauer Berg nach Vorbild des Kollwitzplatzes dehnt sich mehr und mehr in Richtung Norden aus. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis er einen Sprung über die Esplanade macht und auch in Pankow um sich greift.

Die Freundin schlug ein Café in Laufnähe des Arnimplatzes vor, von dem sie im Internet gelesen hatte: ein Kindercafé. Ja, genau. Das Café Milchbart ist speziell für Eltern und Kinder ausgerichtet. Eine echte Marktlücke, die die beiden Gründerinnen dort entdeckt haben. Weil ich normalerweise keinen Grund habe, ein Kindercafé zu besuchen, war ich logischerweise noch nie dort und sofort einverstanden mit dem Vorschlag.
  
Und somit stolperte ich in eine völlig neue Erfahrung. Ich war tatsächlich der einzige Gast, der kein eigenes Kind vorzuweisen hatte. Dafür hatten andere Frauen (mindestens einen Mann gab es auch) aber zwei. Und da ich Ida auch ein paar Mal halten durfte, bin ich vielleicht nicht zu sehr als Fremdling aufgefallen, wie ich es tatsächlich war. Ich war noch nie einem Café, in dem die Mehrheit der Gäste (wahrscheinlich alle außer uns, weil wir es einfach nicht wussten) vorne ihre Schuhe auszieht und auf Socken oder in Hausschuhen herumläuft. Ich war noch nie in einem Café mit so viel Spielzeug. Von mehreren Bobby Cars über zwei Puppenwagen bis hin zu meinem Kindheitstraum - einer Kinderküche - war einfach alles dabei. Nur Macbooks gab es nicht!

Ich war auch noch nie in einem Café mit so vielen Menschen unter fünf Jahren. Aus dem einfachen Grund, dass Menschen unter fünf (und mein bester Freund, aber der ist über fünf) nun mal keinen Kaffee mögen. Aber für die gab es auch Babybrei im Angebot. Den habe ich nicht probiert. Aber der Kaffee war sehr lecker. Und die Teeauswahl (natürlich inklusive Stilltee) war sehr beeindruckend. Nur die zwei Töpfchen auf der Toilette waren sehr befremdlich. Aber dank des Werbeplakats an der Klotür weiß ich nun, dass Vöslauer tatsächlich ein Wasser nur für Kinder anbietet. Man kann wirklich jeden Scheiß irgendwie vermarkten. 

Mehr Prenzlauer Berg als in diesem Café geht auf jeden Fall nicht. Mir gefällt's, weil es trotzdem immer wieder was zu entdecken gibt. Auch wenn es manchmal nur ist, dass manche Klischees einfach stimmen. Und wenn ich mir hier nicht wohlfühle, kann ich ja immer noch wie einige meiner Ex-Mitbewohner Richtung Neukölln abwandern. Sollte ich in fünf Jahren noch hier wohnen, bringe ich vielleicht auch mal mein eigenes Kind mit, um dort in Ruhe einen schöne Bionade zu trinken. Bis dahin bleiben Cafébesuche wie dieser eine spannende Reise in ein fernes Universum.

Kommentare:

  1. Noch mehr Prenzlauer Berg wäre vielleicht: Ein Kindercafé wie das beschriebene mit angegliedertem Macbook-Nutzer-Latte-Macchiato-Trinker-Café, das es Freiberufler-Mamas und -Papas ermöglicht, sich mit dem Kinderhüten und Lukrativ-Kreativsein abzuwechseln, während sie gemütlich im Café sitzen.
    (Also im Endeffekt: das, was andere Menschen (früher?) zu Hause mach(t)en, in den öffentlichen Raum verlagern, wo andere damit Geld verdienen können...)

    AntwortenLöschen
  2. Mensch den Babybrei hab ich auf der Karte gar nicht gesehen.Naja, im Breialter sind wir noch nicht angekommen :-) Dafür ist dir ein wichtiges Detail entgangen: alle Kaffeespezialitäten gibt es auch mit entcoffeinierten Kaffee. Sehr wichtig, wenn das Baby nach den nächsten Stillmahlzeit wieder einschlafen soll... :-)

    AntwortenLöschen
  3. Netter Post. Das Interessanteste fand ich aber im verlinkten Zeit-Artikel: Die jungen, kreativen Schwaben kriegen offenbar nicht massenweise Kinder. "Pro 1000 Frauen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren kommen hier je Jahr nur 35 Kinder zur Welt – das sind weniger als im vermeintlichen Witwenbezirk Wilmersdorf." D.h., in zehn Jahren oder so werden die jetzt übervollen Spielplätze schlicht veröden.(Wenn die Schwaben bis dahin nicht durch andere junge Arrivierte vertrieben werden. :-) )

    AntwortenLöschen
  4. @Christin: Danke für deinen Nachrag. Wie man merkt, fehlt mir der müttleriche Blick auf die Dinge. *g* Dafür ist mir positiv aufgefallen, dass es eine gute Auswahl an Milchsorten gibt (Soja, laktosefrei...)

    AntwortenLöschen
  5. Sehr toller Beitrag. Ich hab mich schon in dem Café gesehen, wie ich versuche nicht über die vielen Kinder am Boden zu stolpern. Das ist das tolle an unserer Zeit, es gibt für jeden eine Freizeitbeschäftigung. Man kann sich auch ungezwungen mit anderen Müttern oder Vätern treffen und sein Kind mit vielen Kindern spielen lassen. Ist doch schlimm wenn Kinder nur das Wohnzimmer und den Fernseher kennen.

    AntwortenLöschen