Freitag, 29. April 2011

Dreieinhalb von zwei Milliarden

Es war DAS Fernsehevent des Jahres. Es war DIE Hochzeit des Jahres. Vor allem aber war es MEIN Fernsehevent des Jahres. Ich bin gerade bei meinem Bruder und meiner Mutter nicht gerade als aktive Fernsehguckerin bekannt. Und es war MEINE Hochzeit des Jahres. Denn zu einer anderen bin ich dieses Jahr eh nicht eingeladen. Okay, bei William und Kate war ich leider auch nicht eingeladen, was sich natürlich nur um ein Missverständnis handeln kann. Aber es hat mich nicht davon abgehalten, letzte Woche ein paar Freundinnen zum gemeinsamen Wedding Watching einzuladen, gestern Abend Sekt einzukaufen und kaltzustellen, mich heute morgen in Schale zu werfen, meine englische und meine australische Fahne (eine britische fehlt mir in der Sammlung leider noch) im Wohnzimmer zu hissen, mir den edlen Zylinder meines Mitbewohners zu leihen und mit ebendiesem auf dem Kopf bei Crackern, Käsehäppchen, englischem Weingummi, weiteren Leckereien und natürlich viel Tee die gesamten sechs Stunden der Berichterstattung im Ersten zu verfolgen.
Das musste einfach sein!

Schon die letzten Wochen habe ich alles zur königlichen Hochzeit gelesen und geguckt, was mir zwischen die Finger und vor die Augen kam. Das war auch nicht besonders schwer. Die Berichte und Reportagen waren allgegenwärtig. Auf allen Fernsehsendern, auf allen Radioprogrammen, in Lokalzeitungen und jeder Art von Zeitschrift. Man konnte der Vorberichterstattung ja noch nicht mal als Spiegel-Abonnent entgehen. Das war übrigens eine sehr informative und lustige Titelreportage des deutschen Nachrichtenmagazins, das mich sonst meistens nicht so aus dem Sessel reißt. Danach wusste ich endlich, dass Kate -genau wie ich- an einer Pferdehaarallergie leidet. Ach, die Parallelen. Nicht nur die dunklen Haare und die starken Augenbrauen... Um ein Haar hätte ich Prince Williams Braut werden können. Wäre ich ihm, der übrigens - wie ich- Linkshänder ist, nur bloß irgendwann begnetet. Aber leider haben sich unsere Wege einfach nie gekreuzt. Und so gönne ich ihm das Eheglück mit seiner brünetten Prinzessin, die nun Duchess von Cambridge ist, und muss mich mit einem Platz am Berliner Küchentisch zufrieden statt am Altar von Westminster Abbey zufrieden geben. Macht ja nix. Ich konnte garantiert länger schlafen als die Brautleute und ihre knapp 2000 Gäste, die schließlich alle vor 8 a.m GMT aufstehen, duschen, zum Frisör, zur Kosmetik, zur Maniküre und sich auch noch anziehen mussten... Den Stress hatte ich nicht.

Von meinen Kolleginnen (ich arbeite in einer Frauenabteilung, in der es nur einen Quotenmann in Werkstudentenposition gibt) waren einige sehr neidisch darauf, dass ich heute meinen freien Tag hatte, während sie die Hochzeit heute höchstens verstohlen mit Kopfhörern im Internet gucken konnten. Vielleicht waren sie aber auch froh, mich heute im Büro nicht in meinem Element erleben zu müssen, weil ich ihnen die gesamte Woche schon mit random fun facts à la "Wusstet ihr eigentlich, dass Kates Ring aus einem Stück walischen Gold gefertigt wurde?" genervt habe. Vorgestern rief mich dann unsere Webmasterin bereits mit einer "Fachfrage" an: "Sag mal, du weißt das doch bestimmt! Wie alt ist Kate eigentlich?" Meinen Ruf als kommunikationsabteilungsinterne Adelsexpertin habe ich somit gefestigt. Leider bringt einem das im Gasturbinensektor wenig. Gestern habe ich im Büro beim Layouten inbrünstig "God Save the Queen" und "Rule Britannia" gesungen. Heute hatten sie im Büro ihre Ruhe und ich bin stattdessen meinen Mitbewohnern, darunter immerhin drei völlig desinteressierte Männer, mit meinem royalen Wissen auf den Geist gegangen.

Um Punkt acht ging mein Wecker, um mir genug Zeit zu geben, mich in mein seidenes Cos-Kleid voller Weinflecken (aber da ja niemand eine Kamera auf unser Wohnzimmer gerichtet hat, war das ja egal) zu werfen, etwas Make-Up aufzulegen und kurz bei meinem heiß geliebten Bäcker Siebert ein paar Schrippen fürs königliche Frühstück zu holen. Um Punkt neun habe ich dann den Fernseher angeschaltet, um ja keine Minute der Berichterstattung meines großen beruflichen Idols Rolf Seelmann-Eggebert und der immer wieder großartigen und für alles einsetzbaren Barbara Schöneberger zu verpassen. Ach ja, Mareile Höppner war auch dabei. Aber die kenne ich irgendwie erst, seit ich letzte Woche in der NDR-Talkshow von ihr erfahren habe, dass sie mal Theologie studiert hat, aber dann durchs Hebraeicum gefallen ist.



Gemeinsam mit zwei Freundinnen und der knapp vier Monate alten am Event nicht so recht interessierten Tochter der Freundin habe ich dann die gesamten sechs Stunden von "Küss mich, Kate" verfolgt und dabei etwa sieben Tassen Tee getrunken. Victoria Beckham hat wie immer nicht gelacht und sich den Hut für den Tag sicher von British Airways Flugbegleiterinnen geliehen. Da gefiel mir der Zylinder ihres Mannes schon wesentlich besser, zumal ich etwas sehr Ähnliches auf dem Kopf trug. Die Queen bewies mit einem kanariengelben Kostüm und farblich abgestimmtem Hut mal wieder ihre Vorliebe für bunte Farben und hat in der Kutsche nach der Trauung tatsächlich sehr großmütterlich stolz gelächelt, während ihr Mann Prince Philip daneben saß und gähnte. Macht ja nix. Mit 90 Jahren als Großbritanniens longest-serving consort und oldest serving spouse of a reigning monarch darf man auch mal müde sein. Tara Parker-Tomkinson, Prince Charles' koksendes Patenkind, versuchte ihre verkokste Nase unter einem Hut zu verstecken, der fast bis zu eben dieser Nase reichte und demnach nicht nur ein wenig ungewöhnlich aussah. Aber was komische Hüte anging, war sie eigentlich in bester Gesellschaft. Harry ist in seiner Dienstuniform breitbeinig wie ein Cowboy durch die Kirche gewatschelt und hat seinem Bruder ab und zu unanständige Dinge ins Ohr geflüstert. Da bin ich mir sicher! Elton John sah aus wie immer.

Kates Brautkleid hat mich ein wenig enttäuscht. Ich hatte auf etwas Moderneres, Schickeres, Schlichteres, weniger Rüschiges mit weniger Schleppe und vor allem weniger Verschleierung gehofft. Irgendwie war es doch etwas altbacken und konservativ mit den langen Spitzenärmeln als Sichtschutz über dem eh nicht zu offenherzigen Dekollté und der völligen Verhüllung unter mehreren Quadratmetern Schleier. Die Frage, die wir uns dabei stellten: Hat sie unter dem Schleier geweint? Es sah zumindest ein wenig so aus. Wie auch immer: Das Kleid von Victoria von Schweden letztes Jahr gefällt mir eindeutig besser. Aber die Schweden sind modisch vielleicht eh etwas stilsicherer als die Briten, die nicht gerade für ihren guten Kleidergeschmack bekannt sind. Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass ich selbst so gerne Kleider aus schwedischen Modehäusern trage... Zum Beispiel heute.

Die Trauung an sich war relativ unspektakulär. Ich finde es nach wie vor unmöglich, dass William keinen Ehering trägt. Wenigstens zur Zeremonie hätte Kate ihm ja eine Attrappe aufstecken können. Und überhaupt: Was ist das für eine bescheuerte Tradition, dass nur die Braut mit einem Ehering durchs Leben laufen muss?! Das ist mir völlig unverständlich. Für unseren Geschmack gab es außerdem ein bisschen zu wenig Lächeln und Körperkontakt zwischen den Brautleuten. Wenn man gerade getraut wurde, kann man ja ruhig mal ein bisschen Händchen halten. Das sollte selbst in der Kirche und selbst für den Adel und frisch eingeheirateten Adel erlaubt sein! Ebenso unspektakulär und enttäuschend waren die beiden Blitzküsse auf dem Balkon. "Die waren ja so kurz, dass man sie verpassen konnte, wenn man kurz nicht hingeguckt hat.", beschwerte sich meine Mutter zu Recht bei der telefonischen Hochzeitsauswertung nach 15 Uhr. Viel interessanter war in dem Moment das lockige Blumenstreumädchen, das sich die ganze Zeit die Ohren zugehalten hat.

Jetzt warte ich gespannt auf die Änderung der britischen Thronfolge und Harrys Hochzeit. Mal sehen, ob Pippa sich ihn krallt!

Kommentare:

  1. Wow, ich hab keine Sekunde davon gesehen und fühle mich trotzdem rundum informiert!! Noch nicht mal das mit den Eheringen wusste ich - in der Tat ganz schön bescheuert...

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  2. Ja, sehr bescheuert! Männer mit Eheringen haben doch immer dieses gewisse Etwas...! ;)

    Bevor ich deinen Bericht hier gelesen habe, dachte ich noch, dass mich die Hochzeit nicht besonders interessiert - also, großes Lob!

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  3. Hatte gestern auch nen Hut auf. Nicht ganz so klassisch allerdings.
    Wir sind bei der Zeremonie in unseren wohlverdienten Mittagsschlaf gefallen :D

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  4. Super! Großes Lob! Da waren wieder mindestens 5 Lacher drin

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