Freitag, 8. April 2011

Die Stadt mit dem Pferd und der Messe

Eigentlich sollte ich eine tiefe emotionale Verbindung zu dieser Stadt haben. Denn Hannover ist die Hauptstadt meines Heimatbundeslandes – Niedersachsen. Das Land, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, das Land, das meine Eltern nie (also zum Leben, im Urlaub schon) verlassen haben, das Land, in dem der Großteil meiner Familie wohnt, das Land, in dem sich meine Großeltern beider Seiten kennengelernt haben, das Land, aus dem mein Parteivorsitzender kommt, das Land, in dem sich meine Eltern kennengelernt haben, das Land, wo die Autos meiner Eltern und meines Freundes gebaut werden.

Und trotzdem verbinde ich mit Hannover einfach wenig bis nichts. Ich war zu meinen niedersächsischen Zeiten, also den ersten 19 Jahren meines Lebens, genau drei Mal dort: zur Konfirmation meiner Kusine irgendwann in den späten 80ern, zur Konfirmation meines Cousins irgendwann in den frühen 90ern und zum Schulausflug in der zehnten Klasse zur Expo Anfang des neuen Jahrtausends. 

Von der Stadt habe ich bei keinem der damaligen Besuche viel gesehen. Und auch später nicht: 2007 war ich mal am Flughafen und am Bahnhof dort und vor zwei Wochen habe ich auf der Rückfahrt von Freiburg eine Stunde bei Mr Clou am Bahnhof verbracht, weil meine Bahn (welch Überraschung) Verspätung hatte und ich meinen Anschlusszug verpasst habe, der dann (welch Überraschung) ausfiel. 

Was ich damit sagen will: Ich kenne die Stadt eigentlich nicht. Ich kenne nur ihren Ruf und die Meinung meiner Eltern (und zahlreicher anderer Menschen), die mich sehr geprägt haben. Meine Ansprüche bei meiner bewerbungsgesprächsbezogenen Eintagesreise nach Hannover am Mittwoch waren dementsprechend nicht besonders hoch. Eine Kleinigkeit hätte genügt, um mich auf die Seite der Stadt zu ziehen: Strahlender Sonnenschein, ein ungewöhnlicher Schuhladen, unfassbar guter Kaffe, das Finden eines Fünf-Euro-Scheins. Irgendwie so was!

Aber die Vorzeichen standen schlecht: Das Unternehmen, bei dem ich mein Vorstellungsgespräch hatte, weigerte sich, die Kosten für die Anfahrt mit der Bahn zu übernehmen, sodass ich auf eine Mitfahrgelegenheit zurückgreifen musste. Das Wetter war nicht so gut, wie morgens in der Wettervorhersage bei T-Bone's Breakfast-Club angekündigt, sodass ich die ganze Zeit kalte Füße hatte. Meine Handtasche war so schwer, dass ich Rückenschmerzen bekam. Das Unternehmen bezahlt für die Stelle viel weniger ich bei einem großen Unternehmen erwartet hätte und rund 700 Euro weniger als es der Deutsche Journalisten-Verband für ein Volontariat im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit empfiehlt. „Hannover wird immer unterschätzt. Es hat kulturell viel zu bieten, “ versuchte mich die Dame nach dem Vorstellungsgespräch zu überzeugen, „darum ist es auch so günstig, hier zu leben.“

Nun kann die arme trade fair city of Hanover wenig für diese Dinge. Und doch prägen diese Dinge eben die persönliche Wahrnehmung, wenn man anschließend anderthalb Stunden Zeit hat, um vom Hauptbahnhof aus durch die Innenstadt zu laufen. Positiv ist dabei zu berichten, dass der Bahnhof eigentlich sehr schick und gut mit Geschäften ausgestattet ist. Wie in Hamburg fällt man aus dem Hauptbahnhof quasi gleich in die Fußgängerzone, die Kröpcke heißt, was ich vor anderthalb Jahren beim Spielen von „Ausgerechnet Buxtehude“ gelernt und gleich wieder vergessen habe. Der einzige, der das beim Spielen wusste, waren nicht etwa mein Bruder, seine Ex-Freundin oder ich, die wir alle in Niedersachsen aufgewachsen sind, sondern mein bester Freund, der Berliner ist. Das sagt eigentlich schon alles.

Wie auch immer: Der/die/das Kröpcke ist ungefähr so schön wie die Fußgängerzone in Magdeburg. Also gar nicht. Aber in Madgeburg kenne ich dank meines Bruders inzwischen auch die schönen Ecken. Leider konnte mir die in Hannover keiner zeigen, sodass ich Hannover nach vier Stunden Aufenthalt mit den folgenden persönlichen Highlights verlassen habe: Die New Yorker-Filiale ist total riesig. Bei H&M in der Fußgängerzone gibt es eine bessere Auswahl an Sonnenbrillen als bei meinem Heimat-H&M in den Schönhauser Allee Arcaden. Das Eis, das ich mir ich der Ernst-August-Galerie geholt habe, war ausgesprochen lecker und sehr groß!

Apropos Ernst-August-Galerie. Irgendwie war rund um den Hauptbahnhof nach Ernst August benannt. Ich dachte erst, das beziehe sich auf den Prügelprinzen und (Ex)Mann von Prinzessin Caroline und habe mich ein wenig gewundert. Als ich mir dann das Reiterdenkmal auf dem Bahnhofsvorplatz, der scheinbar auch Ernst-August-Platz heißt, etwas genauer angeschaut habe, konnte ich feststellen, dass ein anderer Ernst August gemeint ist, der dort als Landesvater des Landes Niedersachsen bezeichnet wird. So, so. Davon haben wir in Heimatkunde im Sachunterricht an der niedersächsischen Grundschule irgendwie nichts erfahren. Wir waren viel zu sehr damit beschäftigt, zu lernen, wie ein Deich aufgebaut ist.

Also war die kurze Reise doch nicht umsonst: Ich bin wieder etwas schlauer. Auch wenn ich mir diesen komischen Fußgängerzonennamen niemals merken werde.

Und falls sich unter unseren Lesern Hannoveraner mit Lokalpatriotismus befinden sollten, bitte seid nicht beleidigt. Man kann ruhig zu den hässlichen Ecken seiner Heimatstadt stehen. Ich finde den Altländer Markt auch ganz fürchterlich. Außerdem lasse ich mich gern vom Gegenteil überzeugen, wenn mir jemand seine Stadt zeigt. Bei München und Magdeburg hat das auch geklappt. Aber, liebe Leute: Eure „U-Bahn“ ist eindeutig eine Straßenbahn!

Kommentare:

  1. Da sich hierher wohl niemand aus Hannover verirrt (wo sind denn meine ganzen Hannoveraner Kollegen?), muss ich doch mal das Wort ergreifen. Die Fotos sind schon sehr gemein! Die sehen ja aus wie Ost-Berlin 1972! In Hannover konnte man früher gut shoppen. Es gibt einen schönen Zoo, die Herrenhäuser Gärten, den Maschsee und wenn du nur etwas weiter gegangen wärest, wärst du durch ein bisschen Altstadt bis ans Leineufer gekommen, wo früher (und wahrscheinlich auch heute noch) die Nanas stehen. Frag doch mal Giovanni di Lorenzo, ob er dir nicht mal das Schöne an Hannover zeigen will, schließlich hat er da ja mal gewohnt, als er mit meiner Kollegin liiert war.

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  2. Mama! Dass ausgerechnet du mir in den Rücken fällst, hätte ich nicht gedacht. Dafür dass die Stadt auf den Bilder fürchterlich aussieht, kann ich nix. Das liegt weder an meinem Fotoapparat noch an meinen fotografischen Fähigkeiten. So sah es einfach aus!

    Dass du in den 70ern fandest, dass man in Hannover gut einkaufen konnte, ist klar. Es kommt halt immer darauf an, womit man es vergleicht.

    Da sich der Arbeitgeber mit dem Hungerlohn noch nicht wieder bei mir gemeldet hat, weiß ich nicht, ob ich die Möglichkeit bekomme, mir Leine, Nanas und Zoo irgendwann mal anzuschauen.

    Und Giovanni di Lorenzo soll mir lieber einen Job geben statt mir die Stadt zu zeigen.

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