Donnerstag, 21. April 2011

Bericht aus Neukölln - Neu im Klischeebezirk

von unserer Neukölln-Korrespondentin Jana

Ich bin eingeladen worden, auf diesem Blog etwas über Neukölln zu schreiben. Da ich erst vor einem Monat hierhergezogen bin, eigne ich mich natürlich (noch) nicht für Expertenbeschreibungen und Insidertipps – aber es möchte doch so mancher aus meinem Bekanntenkreis wissen, wie es mir an meinem neuen Wohnort geht, und darauf kann ich natürlich Antwort geben. Und noch mehr: Ich gehe auch gern auf die ungestellten Fragen zu Neukölln ein…


„Gut!“ sage ich immer, wenn ich gefragt werde, wie es mir hier gefällt – das heißt: Ich fühle mich in meiner neuen WG wohl, habe es endlich geschafft, mein Zimmer fertig einzurichten, und ich freue mich immer wieder, mit dem Fahrrad zur Uni in Adlershof fahren zu können. Außerdem wohnen mehrere Freundinnen gleich um die Ecke meiner neuen Wohnung, und der Stadtteil war mir schon länger sympathisch.


Viele andere Menschen sind da eher skeptisch – verständlicherweise, denn Neukölln taucht vor allem dann in den Medien auf, wenn es um Drogenhandel (am Hermannplatz), Brandstiftung (in der Sonnenallee), Gewalt unter Jugendlichen (an der Rütli-Schule) oder mangelnde Integration (überall) geht. Positiv tritt der Stadtteil eigentlich nur in Erscheinung, wenn über den „Karneval der Kulturen“ und ähnliche Veranstaltungen berichtet wird – die wenigen Überreste der Multi-Kulti-Euphorie, die (ob nun wegen oder trotz der Ausführungen von Herrn Sarrazin) der Annahme weichen muss, dass es so einfach wohl doch nicht ist.

Aber wie sieht es im „sozialen Brennpunkt“ und „Einwandererviertel“ Neukölln nun aus? Meine Vermutung ist: Der eine oder andere, der mich nach meinem neuen Wohnort fragt, ist weniger interessiert an meiner Einbauküche oder den schönen neuen IKEA-Gardinen als an Informationen aus erster Hand über die Zustände zwischen Landwehrkanal und Flughafen Tempelhof.

Wer gern seine Klischees erfüllt sieht, kann sich freuen, wenn er mich besucht: Ja, es gibt hier relativ viele Frauen mit Kopftuch, Männer mit Schnurrbart und Jugendliche mit diesem speziellen Akzent. Und egal, an welcher Bushaltestelle in meiner Nähe man aussteigt, man fällt quasi direkt in eine Dönerbude und wird vom würzigen Duft der Fleischspieße und Fladenbrote begrüßt.

Weniger klischeehaft und noch schöner finde ich aber die Gegenwart anderer Kulturen an Orten, wo ich glaubte, mich auszukennen: Bei NETTO am S-Bahnhof Sonnenallee gibt es ein Regal voll mit Bulgur, gefüllten Weinblättern, Blätterteig und anderen Köstlichkeiten aus Anatolien & Co. Im O2-Shop erlebte ich zum ersten Mal, wie eine junge Frau (ohne Kopftuch übrigens) ohne Zögern den Berater auf Türkisch ansprach. Und vor dem einen oder anderen Geschäft stehe ich ziemlich ratlos, weil alle Beschriftungen auf Türkisch oder Arabisch sind. Mittlerweile empfinde ich es aber schon als normal, dass Kunden „Merhaba“ statt „Hallo“ sagen, zum Beispiel beim Bäcker gegenüber. Dort ist das Angebot übrigens wunderbar gemischt: Fladenbrot (auf Türkisch: „Pide“ – noch eine Vokabel gelernt), deutsches Körnerbrot, Baklava, allerlei Kuchen und meine neuen Lieblingssnacks, Börek und - noch leckerer (und kostet nur 1,50 EUR…) – Gözleme.



Manchmal vergesse ich, dass der Anteil der Menschen in Neukölln, die ihre Wurzeln in anderen Ländern haben, erst seit relativ kurzer Zeit stilprägend hoch ist. Doch das ziemlich deutsch daherkommende Rathaus oder auch das Stadtbad Neukölln, erbaut 1914 nach Vorbild einer antiken Badeanstalt, erinnern mich wieder daran. Außerdem wird der aufmerksame Besucher darauf hingewiesen, dass der Kern des Bezirks das ehemals eigenständige Örtchen Rixdorf ist. Oft habe ich bedauert, dass Pankow, das ich wegen seines Kleinstadt-Flairs so mag, nur allzu weit weg von meiner Uni ist. Aber jetzt nicht mehr, denn ich habe den Richardplatz kennengelernt, die Kopfsteinpflaster-Straßen des Böhmischen Dorfes (benannt nach – na..? – genau, Einwanderern!), die Schmiede, die Dorfkirche – was brauche ich mehr, wenn mir der Großstadtrummel zu viel wird? Und das Beste: Rixdorf liegt mitten drin in Neukölln. Außerdem kommt von hier die tolle Rixdorfer Fassbrause.

A propos Getränke: Der sogenannte Weserkiez, der ja angeblich total im Kommen und Aufblühen ist, liegt auch gleich hinter meinem Haus. Hier (und auch in Rixdorf) gibt es eine Reihe Kneipen und Cafés, worin die immer zahlreicher werdenden jungen Bewohner ihre unverbraucht-hippen Kaffee- und Nachtstunden verbringen können, bevor der Mainstream ankommt. Übrigens: Das Gelände der berüchtigten Rütli-Schule liegt an der Weserstraße, mitten im Kiez also. Wenn das kein Symbol für die Vielfalt Neuköllns ist!

Kommentare:

  1. Da ich ja selbst zu den Mensche gehöre, die von Neukölln nicht gerade das beste Bild haben und sich da unten geografisch aber ganz schlecht auskennen, muss ich mal fragen: Ist der Karneval der Kulturen nicht in Kreuzberg?

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  2. Tja, einen türkischen Bäcker haben wir hier im Arnimkiez gar nicht, oder?! Verdammt, da hab ich grade so Lust drauf bekommen...

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  3. Klar, haben wir türkische Bäcker, sogar zwei. Einen in der Schönfließer kurz vor Bäcker Siebert und den komischen Happy Backshop an der Bornholmer. Aber die bieten irgendwie keine türkischen Backwaren an sondern nur deutsche...
    Zum Glück arbeite ich in Moabit, wo ich auf dem Weg von und zur Arbeit immer an zahlreichen türkischen Bäckereien vorbeikomme, bei denen irgendwie alles immer nur 1,50 Euro kostet. Und mein Favorit ist die "Freundliche Bäckerei" am S-Bahnhof Beusselstraße.

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  4. Ja, die beiden kenn ich... aber wenn nur die Verkäufer und nicht die Backwaren türkisch sind, nützt mir das eher wenig. Vielleicht müsste man dazu mal über die Bösebrücke rüber ;)

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  5. Die Sache mit den Fragen nach dem Wohnort kann ich bestätigen -- den meisten Nicht-BerlinerInnen scheint ausser "RÜTLI SCHULE!!!!" nicht viel einzufallen, wenn sie "Neukölln" hören.

    Ziemlich witzig fand ich allerdings, dass mich vor einer Weile jemand aus Pforzheim völlig entgeistert fragte: "Ja ... aber ... warum denn Neukölln? Es gibt doch bestimmt auch schöne Gegenden in Berlin!"

    ".... Du weisst aber schon, dass Neukölln allein deutlich grösser als Pforzheim ist, oder? Und ich bin sicher, dass es auch bei euch schöne und weniger schöne Ecken gibt...."

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  6. Haha, die Menschen aus Pforzheim haben in der Städte- und Stadtteilediskussion eh wenig zu melden. Schließlich wohnen sie in einer Stadt mit einem so absurden Namen, dass ich jedes Mal wieder drüber lachen muss.

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  7. Was den Karneval der Kulturen angeht: Stattfinden tut er tatsächlich in Kreuzberg, wird aber zu den kulturellen Ereignissen Neuköllns gezählt, weil er anscheinend von hier aus initiiert wurde / wird.

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