Donnerstag, 31. März 2011

Im wilden Westen

Derzeit betreibe ich eine ganz neue Art von Tourismus. Sie ist nicht so entspannungsorientiert und nicht so freiwillig wie das sonstige Reisen. Vielmehr ist sie effizient, effektiv und wirtschaftlich auf eine ganz andere Art und Weise absolut notwendig. Statt shoppen und Kultur geht es vorrangig um wirtschaftliche Interessen. Und trotzdem macht sie Spaß. Denn ich bekomme die Republik zu sehen. Auch an Ecken, an die ich bei einer Städtereise nicht gedacht hätte. Letzte Woche war ich in Freiburg, heute in Düsseldorf und nächste Woche möglicherweise in Hannover. Ich betreibe Bewerbungstourismus.
Aber erst einmal zur nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt. Ich bin vorher noch nie dort gewesen und kenne niemanden in der Stadt. Die ersten Gedanken, die mir bei Düsseldorf einfielen, waren: 1. Es ist in der Nähe von Köln. 2. Irgendwie liegen da in der Gegend zig Städte auf einem Haufen. 3. Da spielt Verbotene Liebe 4. Ist da nicht die Kö? 5. Es liegt am Rhein. 6. Das hat einen relativ großen Flughafen. 7. Es ist immerhin Landeshauptstadt.
Die Reaktionen in meinem Freundeskreis waren auch nicht weiter ermutigend. „Was willst du denn da?“, fragte meine Mutter. „Das willst du doch nicht hin!“, sagte ein Freund. „Das Beste ist die Bar auf der Dachterrasse von Galeria Kaufhof!“, sagte mein Bruder. „Düsseldorf an sich ist nicht so spannend.“, sagte die einzige Bekannte, die ich im Umfeld von 50km rund um Düsseldorf habe. „Ist ganz ok!“, sagte mein Freund. „Aha!“, sagte der Rest.
Ich suchte mir trotz allem eine großzügige Bahnverbindung heraus, die mir Zeit gab, die Stadt wenigstens einmal anzuschauen. Immerhin war ich auch von München vor einigen Jahren nach einem kurzen Besuch sehr positiv überrascht (hinziehen möchte ich allerdings trotzdem nicht).
Was mir als erstes auffiel, nachdem ich den Bahnhof Düsseldorf-Flughafen verlassen hatte, waren die seltsamen Fußgängerampeln (siehe Foto), die ein drittes Licht zwischen rot und grün haben, das mit einem gelben Balken den Wechsel von rot auf grün und andersrum darstellt. Das habe ich nie gesehen! Gibt’s das woanders auch? Oder ist das eine Düsseldorfer Erfindung?
Das zweite, was mir auffiel war die Sprache. Ich hätte mich totlachen können im Regionalexpress vom Flughafen zum Hauptbahnhof. Die Frau hinter mir hat sich in bestem Dialekt mit ihrem Mann unterhalten, der genau so klang, wie der Opa in Kein Pardon. Wie man sicher merkt: Ich bin selten im Westen unterwegs, dass ich mich von so ein bisschen Dialekt noch beeindrucken lasse. Aber in Freiburg erfreue ich mich auch immer wieder daran. Und in Hannover klingen dann nächste Woche für mich alle wie mein Opa. Oder Gerhard Schröder. Aber die klingen auch beide gleich.

Der Hauptbahnhof ist ebenso hässlich wie die Gegend rundherum. Aber das ist man ja von Frankfurt schon gewöhnt. Zielsicher bin ich den Schildern Richtung Innenstadt gefolgt und so, ganz zufällig auf der Königsallee a.k.a Kö gelandet, die ich vorher auf dem Stadtplan irgendwie nicht finden konnte. Und sie war… irgendwie enttäuschend! Nicht besonders schön, nicht besonders schickimicki und einfach nicht besonders. Um nicht zu sagen: Langweilig. Nach einem kurzen unverzichtbaren Abstecher zu H&M und Cos ging’s dann weiter in die Innenstadt, wo ich mir in der Touristeninformation, deren Existenz im Internet irgendwie nicht aufzufinden war, einen Stadtplan und das Rathaus mit Jan-Willem-Denkmal bewundern konnte.
Beim ziellosen Herumirren durch die relativ hübsche Altstadt landete ich, wie es nur ziellose herumirrenden Alleinreisenden passieren kann, im Hinterhof, in dem die älteste evangelischeKirche der Stadt stand. Eigentlich wollte ich nur von außen einen kurzen Blick hereinwerfen, wurde dann aber von einer sehr engagierten ehrenamtlichen älteren Dame entdeckt, die mich sofort als ihren einzigen Gast hereinbat, mir alles zeigte und die gesamte Geschichte der Kirche erzählte. Sie war hoch erfreut, als ich aus höflichem Interesse fragte, ob dort denn Hochzeiten und Taufen stattfänden und erklärte mir gleich, dass ich nur meinen eigenen Pastor mitbringen müsse, mich aber dann sofort dort trauen lassen könne. Hiiiilfe. Auch das kann nur Alleinreisenden passieren, die ziellos herumirren. Nun weiß ich, dass die Kirche mit Erlaubnis von Jan Willem (der mit dem Denkmal) gebaut wurde, weil er selbst einige Protestanten in der Familie hatte. Um die katholischen Rheinländer nicht zu sehr zu verärgern, durfte sie aber nicht zu prominent platziert werden, weshalb sie in einen Hinterhof gebaut wurde. 1943 wurde sie in einem Bombenangriff völlig zerstört. Einen Kirchturm und eine Gemeinde hat die arme Kirche auch nicht mehr. Dafür aber fetzig quietschgrüne Wände und einen im Idealfall blinkenden Altar. Der ist nämlich mit irgendeiner katholischen Kirche und einer orthodoxen Basilika („Kennen Sie sich hier aus?“- „Nein, gar nicht. Ich bin nur zu Besuch.“ – „Also, das ist die Basilika, die man sieht, wenn man auf der B44 Richtung Wuppertal rausfährt. Die mit den schönen Kuppeln“) oder so verbunden. Und wenn in einer der beiden Kirchen ein bestimmter Geräuschpegel erreicht wird, fängt der Altartisch an zu blinken. Zumindest theoretisch. Praktisch ist das gerade kaputt. „Und die Telekom kriegt das auch nicht hin, das zu reparieren.“ Ah ja.




Nach einem Essen bei Ricky’s, das nicht besonders teuer und dafür sehr lecker war, und einem sehr heftigen norddeutsch anmutenden Regenschauer bin ich dann noch kurz an den Rhein gelaufen, der bei wolkenverhangenem Nieselregen dann nicht mehr so sehr zum Spazieren eingeladen hat, aber sonst sicher ganz nett ist.


Auf dem Rückweg zum hässlichen Hauptbahnhof war meine eigentliche Entdeckung des Tages eine mir unbekannte niederländische Schuhladenkette namens Sacha. Das Angebot war super und die Preise in einem guten Rahmen. Also habe ich gleich nachgefragt, ob sie auch eine Filiale in Berlin hätten, was die Verkäuferin mir mit einem kurzen Nein, das so viel bedeutete wie „Nein. Und das ist auch gut so. Wir sind nämlich was Besonderes und machen keine Filialen kurz vor Polen auf!“ beantworte. Schade um die schönen Schuhe! 




Kommentare:

  1. Klingt alles in allem nach einer Stadt, in die man sich vielleicht nicht spontan verlieben, aber an die man sich gut gewöhnen könnte! (Wenn das so stimmt, bekommst du für die Beschreibung deiner Eindrücke ein "sehr gut". ;))

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  2. Findet da nicht auch der Eurovision Song Contest statt? Da haben sich auch alle gefragt, warum gerade dort. Weil Düsseldorf so einen einfachen Namen hat, der wunderbar auf Englisch oder Französisch klingt? Weil der Akzent der Düsseldorfer auch alles andere als deutsch klingt? Um Köln zu ärgern? Naja, wohl angeblich, weil es dort die größte Halle gibt! Na Jlöckwunsch! ;)

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  3. Ich war bisher einmal in Düsseldorf, so vor 34 Jahren. Das einzige, woran ich mich erinnern kann, ist der Rhein, ein billiges Hotel (mehr konnte sich die Juso Hochschulgruppe nicht leisten) und mein allererster Besuch bei McDonald's. Hast du denn Schuhe gekauft?

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  4. Ha, bei McDonald's war ich tatsächlich auch und habe mir einen Mocha bei McCafé geholt. Aber McCafé gab's in den 70ern ja noch nicht. Natürlich konnte ich den Laden nicht ohne ein paar Schuhe verlassen. Was weiß ich, wann ich mal wieder so weit in den Westen reise. Jetzt habe ich endlich ein Paar bürofähige Halbschuhe, die ich gestern Abend gleich ganz stolz ins Theater ausgeführt habe!

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