Dienstag, 8. Februar 2011

Dienstagabend im Yogatantenstadtteil

Wie bereits erwähnt, wohnen wir im Prenzlauer Berg. Und im Prenzlauer Berg machen alle Frauen, wie auch schon Jochen-Martin Gutsch festgestellt und kommentiert hat, Yoga. So auch ich. In diesem Zusammenhang kommt natürlich die Frage auf, was zuerst da war- eine typische Huhn oder Ei-Fragestellung. Bin ich vor fünf Jahren nur in den Prenzlauer Berg gezogen, weil ich unbewusst schon immer darauf gebrannt habe, meine Abende mit Sonnengrüßen zu verbringen, auch wenn damals, vor fünf Jahren mein idealer Abend aus zwei bis drei Flaschen Sekt und einem Ausflug in den Duncker bestand? Oder hat mich das Leben hier im gesundheitsbewussten Prenzlauer Berg zwischen lauter Yoga-Ökos gegen mein eigentliches Naturell zum Yogi gemacht? Wie auch immer es war, es war ein schleichender Prozess. Alles fing an mit einem Kundalini-Yogakurs des Unisports während der Semesterferien, bei dem ich in der ersten Stunde einen Lachanfall bekam, als wir eigentlich Mantras singen sollten. Es folgten weitere harmlose Unisportyogakurse und führte schließlich zu einer überteuerten Fitnessstudiomitgliedschaft, die ich hauptsächlich nutze, um mindestens ein Mal die Woche einen der (ja, ich habe gerade nachgezählt) elf Kurse besuchen. Ich brauche das! Zum Entspannen!

Heute ist Dienstag. Dienstag ist einer meiner Yogatage. Ich habe das Büro extra pünktlich um 17 Uhr verlassen, um rechtzeitig zu Hause zu sein, mir noch eine gesunde Suppe zu kochen (ja, Yogatanten müssen so was Gesundes essen, das gehört zum Yoga-Gesamtpaket), die gesunde Suppe zu essen, mein Sportzeug zu packen und den Weg ins Fitnessstudio zu Fuß (mein Rad hat seit dem Schnee- und Eiswinter zwei Platten) mit meiner schweren Sporttasche zu bewältigen.

Ich war pünktlich da, pünktlich umgezogen und pünktlich mit meiner Yogamatte unterm Arm unterwegs von der Umkleidekabine in den Yogaraum. Genau wie zahlreiche anderen Prenzlberger Yogatanten (es sind sogar Männer darunter) auch. Auf halbem Weg erreicht uns die schockierende Nachricht. Die Yogalehrerin sei krank. Und die Vertretung auch. Heute kein Yoga. So ein Schock war für die Prenzlberger Yogafraktion auf den Gemüsesuppenmagen nur schwer zu ertragen. Was sollten wir tun?! Ein Dienstagabend ohne Yoga? Völlig unvorstellbar. "Ich habe mich so drauf eingestellt!" - "Ich habe extra früher Feierabend gemacht!" - "Ich habe sogar eine Verabredung verschoben!" - "Ich habe den ganzen Tag meine Sporttasche mit mir herumgetragen!"

Völlig unentspannte Überforderung. Wir wussten nichts mit uns anzufangen.

Von meiner psychologiestudierenden Mitbewohnerin (korrekt müsste es an dieser Stelle heißen: von meinen psychologiestudierenden Mitbewohnerinnen --> es werden immer mehr) habe gerade vor einigen Tagen gelernt, dass es ein Zeichen für Asperger sei, wenn man mit damit umgehen könne, wenn Dinge nicht so passieren, wie man sie sich vorgenommen hat. Es scheint mir, als treffe dieses Kriterium auch bei echten Yogatanten zu...

Einen anderen Kurs zu besuchen oder wie viele andere Menschen im Fitnessstudio einfach an die Geräte zu gehen, kommt für Yogatanten nicht nur aus Überzeugung nicht in Frage. Wir hätten auch gar nicht gedurft. Denn wie jeder weiß, macht man Yoga barfuß. Alle anderen Angebote des Fitnessstudios sind aus versicherungstechnischen nur mit Turnschuhen zugängig.

Aber echte Yogatanten hören nun mal auf ihren Körper. Und der war nun mal auf Yoga eingestellt. Also wurde der Muskelmann am Tresen trotz Sicherheitsbedenken überredet, den harten Yogakreis auch ohne Lehrerin in den Raum zu lassen. So fand ich mich mit einer Wirtschaftsjournalistin einer überregionalen deutschen Tageszeitung und einem RTL-Serienschauspieler zu dritt im Yogaraum wieder. Natürlich war ein Schauspieler dabei. Schließlich sind wir hier im Prenzlauer Berg! Während wir versuchten für unser Yogagewissen, auch ohne Vorturnerin wenigstens ein paar Sonnengrüße, Krieger, Heuschrecken, Räder und alle Übungen, die uns sonst noch so einfielen, zu durchlaufen, konnten wir uns heute ausnahmsweise auch unterhalten. Über die undurchsichtige Preispolitik des Fitnessstudios, Kölner Karneval, die Bombenwarnung im Fitnessstudio vor einigen Wochen, das Oktoberfest und Turnbeutelvergesser in der Grundschule. Ein Yoga-Kaffeeschlatsch.

Und zum Schluss stellten wir fest: Wir sind nicht nur Yogatanten. Wir sind sogar Yogastreber!



1 Kommentar:

  1. Als ich bei der Lesung von den Herren Leo und Gutsch war, las letzterer auch seine Kolumne über den Süppchen-Trend in Prenzlauer Berg. Da ich kurz zuvor diesen Blog-Eintrag gelesen hatte, musste ich feststellen: JMG hat zwar richtig den Trend zum Yoga erkannt - aber er meint, Eintopf (den er gern hat) sei das Gegenteil von Zeitgeist, es gebe nur noch unattraktive Kürbissüppchen bei den Trend-Menschen. Vielleicht solltest du ihn eines besseren belehren, liebe Super-Suppen-Sara!

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