Montag, 21. November 2011

Was sind wir alle hip!

Schon Freitagabend laufen in Kreuzberg auffällig viele hippe junge und nicht mehr ganz so junge Männer und Frauen mit den auffällig unhippen braunen Papiertüten herum, die jeden darüber informieren, dass es auch in Tel Aviv eine Filiale von American Apparel gibt. Berlins Hipster können sich besonders glücklich schätzen. In der Stadt gibt es gleich zwei Läden der Marke. Und dieses Wochenende wird es noch hipper: In der Arena in Treptow findet ein American Apparel Warehouse Sale statt. Wer in der hippen Szene nicht schon über einen der zahlreichen Modeblogs oder die Ankündigung auf FluxFM informiert war, der kann das Event des Wochenendes spätestens dann nicht mehr verpassen, nachdem 5.000 Freunde auf Facebook ihre Anwesenheit bei ebendiesem angekündigt haben. Also, Doc Martens schnüren, den alten Parka anziehen, die ironische Bommelmütze aufsetzen und nix wie hin. 
Am Eingang zur Halle ist eine Schlange. Nicht weil der Andrang so groß ist, sondern weil zwei Sicherheitsleute den Inhalt aller Taschen kontrollieren. Und welcher Hipster geht schon ohne das richtige Accessoire in Form einer coolen Tasche aus dem Haus?! Wonach eigentlich gesucht wird, wird beim Blick auf das Arsenal der Club Mate-Flaschen vorm Eingang klar. Keine Getränke also. Wieso auch sollte das Shoppen am Sonntag eine andere Erfahrung sein als das Clubben am Vorabend. Aufgebrezelt sind schließlich auch alle. Der einzige Unterschied zu Samstagabend ist die Tatsache, dass die Club Mate gerade nicht mit Wodka gemischt ist.
Kaum durch die Taschenkontrolle wird man auf der anderen Seite der Tür von einem durchgestylten jungen Mann mit Clipboard überfallen, der unbedingt die E-Mailadresse haben möchte. Natürlich spricht er Englisch. Hierfür schlägt er einen fairen Tausch vor: E-Mailadresse gegen 20-Prozent-Gutschein für den nächsten Einkauf. Dagegen wehrt sich keiner.
Dann beginnt der Kampf um goldene Glanzleggins, rosafarbene Nylonjacken und viele undefinierbare aber auf jeden Fall ganz ironisch gemeinte und Unisex tragbare Kleidungsstücke. Umkleidekabinen sind was für Landeier. Der echte Mitte-Hipster probiert den textmarkerfarbenen Hoodie, das glitzernde Tube Dress und die transparente Emergency Jacket einfach mitten in der Halle an, während er sich mit seiner Begleitung weiter über die nächste Kampagne oder den nächsten Dreh unterhält.
Auf dem Weg zu Kasse werden die erfolgreichen Shopper über Metallgitter, die man sonst eher von Konzerten kennt, noch an einer Bar vorbeigeleitet, an der eine hippe junge Frau kostenlose Biolimonade mit Rhabarbergeschmack austeilt. Nach einer weiteren Taschenkontrolle am Ausgang werden die Hipster mit ihren braunen Papiertüten in einer und der Biolimonade in der anderen Hand in den Sonntagnachmittag entlassen. Schon zwei Straßenecken weiter ist der Post über das sonntägliche Shoppingerlebnis per iPhone hochgeladen. Natürlich nicht ohne Hipstamatic-Foto.

Freitag, 10. Juni 2011

Alba Berlin vs. Carlo Goldoni

Diese Entscheidung hat letzten Mittwoch Alba Berlin gewonnen. Das heißt, dass wir eigentlich "Der Diener zweier Herren" im Hexenkessel Hoftheater ansehen wollten, dann aber doch kurzfristig vom Theater aufs Basketballspiel umgeschwenkt haben. Zum einen weil eine Open Air - Vorstellung bei dem ekligen Wetter am Mittwoch Abend wohl nicht so angenehm gewesen wäre, zum anderen weil es wesentlich mehr Goldoni-Vorstellungen als in Berlin stattfindende Finalspiele der BBL gibt. Und obwohl ich kein Sportfanatiker bin, schau ich mir hin und wieder gerne ein Basketballspiel an. Basketballfans sind einfach viiiel entspannter, weniger agressiv und weniger betrunken als... äh, zum Beispiel Fußballfans. Ich wage sogar zu behaupten, dass der durchschnittliche IQ bei einem Basketballspiel (bei den Spielern sowieso, bei den Zuschauern aber auch) höher ist, zumindest wirkt es so. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich regelmäßig meine Professorin bei Alba-Spielen antreffe.
Aber auch vom Spielablauf her bin ich großer Basketballverfechter: es geht einfach viel schneller, schließlich ist das Feld wesentlich kleiner und der Angriff nunmal auf 24 Sekunden beschränkt - da gibt es nicht so viel ödes in-der-Mitte-Herumgedümpel wie beim Fußball. Außerdem bleibt es IMMER spannend, eine Mannschaft kann mit 16 Punkten zurückliegen und dann doch noch gewinnen - so wie Alba das am Mittwoch gezeigt hat. Nach einem grottenschlechten ersten Viertel haben die Herren in gelb nämlich am Ende so richtig gerockt und damit den Fluch gebrochen! Der Fluch besteht darin, dass ich noch nie Alba live beim Gewinnen zugesehen habe, quasi immer ein Unglücksbringer war. Jetzt ist das vorbei, sogar gegen die starken Bamberger haben sie gewonnen, die Stimmung in der O2 World war ganz große Klasse und es tut mir gar nicht leid, dass Goldoni nun ein bisschen länger auf uns warten muss. 


 
Ich drücke Alba für die verbleibenden finals ganz fest die Daumen und wage zu prophezeihen, dass dieser Post für lange Zeit der einzige mit dem Label "Sport" bleiben wird.

Freitag, 3. Juni 2011

Der fremde Mann im Schlafzimmer

Ich wollte sowieso schon lange etwas über meine WG schreiben. Denn diese WG, die seit ihrer Gründung 2005 unter dem klangvollen Namen "House of Fun" läuft, schreibt einfach die besten und verrücktesten Geschichten: seltsame Mitbewohner, furchtbare Zwischenmieter, eine unfähige Hausverwaltung, endlose Bauarbeiten, wilde WG-Partys, großartige Küchentischdiskussionen und zwischenmenschliche Dramen. Das ist das pure wahre Leben hier und immer unterhaltsamer als jede Daily Soap. Ich habe schon lange aufgehört, Verbotene Liebe und Lindenstraße zu gucken, weil das, was sich in unserer Wohnküche abspielt, besser ist als alles, was sich die Drehbuchautoren so ausdenken können. Und irgendwann, wenn ich mal arbeitslos, hochschwanger im Mutterschutz oder im Erziehungsjahr bin, schreibe ich ein Buch mit gesammelten WG-Geschichten und tingel damit durch die deutsche Talkshowelite!



Hier schonmal die erste Geschichte auf dem Blog, da das mit der Arbeitslosigkeit sich ja nun erstmal erledigt hat:

Ich bin froh, seit letzten Samstag ein extremes Schlafdefizit mit mir durch die Woche zu ziehen, sodass ich letzte Nacht ganz tief und fest geschlafen habe. Tiefer und fester als in der gesamten Woche zuvor. Gott sei Dank! Denn hätte ich nicht so fest geschlafen und wäre wie meine Mitbewohnerin aufgewacht, dann hätte ich wohl so laut geschrien, dass alles 32 Mietparteien unseres Hauses wach geworden wären. Oder hoffentlich mindestens meine drei Mitbewohner, die mir dann sofort zur Hilfe geeilt wären. Außerdem wäre ich nicht wieder eingeschlafen und würde so lange auf dem Sofa meines besten Freundes übernachten, bis der Zustand geklärt ist. Aber zum Glück  habe ich tief und fest geschlafen, sodass das Schicksal meine Mitbewohnerin traf.

Die lag ebenfalls schlafend und nichts ahnend im Bett, als sie aufwachte, weil jemand in ihrem Zimmer stand. Ein Mann. Ein Mann, den sie noch nie im Leben gesehen hatte. Ein Mann, den auch sonst noch nie jemand der anderen vier Mitbewohner gesehen hatte. Aber das wusste Anna zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise noch nicht und ging davon aus, dass der unbekannte Mann zu mir gehöre.

Mein Mitbewohner Michel, bei dem der unbekannte Mann einige Minuten vorher im Zimmer gestanden hatte, hatte ihn für unseren Mitbewohner Marc gehalten und gedacht, dass dieser sich nach den exzessiven Herrentagsfeierlichkeiten einfach in der Tür geirrt habe. Für Verwunderung bei Anna sorgte dann die Tatsache, dass der unbekannte Mann permanent mit einer Packung Kondome wedelte und offensichtlich doch nicht zu mir gehörte. Denn er fragte mehrfach auf englisch nach dem "Irish girl". Eine Irin haben wir in der WG tatsächlich nicht zu bieten.

Woher kam also der Mann mit den Kondomen? Und wo war die Irin? Und wieso war dieser Mann IN unserer Wohnung und IN Annas Schlafzimmer. Zum Glück erinnerte sich Anna auch mitten in der Nacht und unter Schock stehend daran, dass unser Mitbewohner gerade vor einigen Tagen erzählt hatte, dass in der WG, die gerade neu in die Wohnung gegenüber einzeogen war, eine irische Zwischenmieterin wohnt. Also nahm Anna den Mann mit seinen Kondomen und brachte ihn in die WG gegenüber, wo er mit seinen Kondomen zur gesuchten Irin fand.

Heute Morgen nach einem Krisengespräch beim Frühstück und der Feststellung, dass alle Schlüssel der WG gegenüber in unsere Wohnungstür passen, ging der erste Anruf an die neue Hausverwaltung, die nun ganz schnell beweisen kann, dass sie nicht ganz so unfähig ist wie die alte ist und gaaaaaaaaaaaaaaanz flott, die Schlösser austauscht, damit bitte jeder nur noch den nächtlichen Herrenbesuch empfängt, den er auch so bestellt hat!

Bericht aus Neukölln - Mein Hof ist ein Radio

Neues von unserer Neukölln-Korrespondentin Jana


Manchmal läuft echt gute Musik! Aber ein Innenhof in der Sonnenallee ist natürlich kein ganz normaler Radiosender, etwa mit Nachrichten, redaktionelle Beiträge zu aktuellen Themen und ausgewählter Musik. Hier wird auf einer anderen Welle gefunkt. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob sich alle am Programm Beteiligten darüber im Klaren sind, dass alle Hausbewohner, die ein Fenster zum Hof haben, ihnen zuhören.

Am späten Abend läuft oft eine Diskussionsrunde, gesendet aus einer WG im Erdgeschoss. Der Empfang ist im zweiten Obergeschoss nicht mehr besonders gut, aber ich glaube, es geht dort unten um gesellschaftspolitische Themen. Wenn ich früh schlafen möchte, wünsche ich mir immer, ich könnte die Lautstärke regulieren, aber das  geht nur über das Öffnen und Schließen meines Fensters, und wenn das Wetter gut ist, muss das „Radio Innenhof“ eben an bleiben.

Habe ich also eine Nacht lang die laue Frischluft genossen, kommt es vor, dass der nächste Tag mit einem Beitrag aus dem Bereich „Psychologie“ beginnt. Meist geht es dann um Partnerschaftsprobleme und dysfunktionaler Konfliktlösungsstrategien. Wobei die Art und Weise, wie das Paar aus dem vierten Stock im Seitenflügel diskutiert, durchaus funktional ist – nämlich wenn es darum geht, die gesamte Hausgemeinschaft darüber zu informieren, dass die Kacke am Dampfen ist. Ein konkreter Anlass ist selten auszumachen. Was man vom Streit gut hören kann, sind nur die Höhepunkte gegenseitiger Diffamierungen, die gelegentlich darin enden, dass eine Wohnung- und kurz darauf die Haustür knallt. Oder es ertönt die Stimme des Nachbarn, der die Rolle des Paartherapeuten übernommen hat: „Schnauze!!“, brüllt er durch den Hof, wenn ihm die Diskussion zu lange dauert.

Spätnachmittags gibt es regelmäßig multikulturelle Beiträge, etwa über Freizeitaktivitäten von Austauschstudenten aus Mittelmeerländern. Diese werden klischeegemäß lautstark diskutiert, entweder in Kleingruppen oder am Handy (oder beides), in jedem Fall aber unten im Hof beim Fahrradständer. Schade, dass mein Spanisch so schlecht ist, sonst könnte ich hier womöglich gute Tipps für die Abendplanung bekommen.

Da ich mich allgemein für medizinische Themen interessiere, könnte man meinen, dass mir die entsprechenden Kurzbeiträge eines Nachbarn aus dem Hinterhaus gefallen. Leider ist hierbei aber das Verhältnis von sachlichen Wortbeiträgen und veranschaulichenden Klangbeispielen ziemlich schlecht. Ich habe – trotz wirklich häufigen Zuhörens – immer noch nicht verstanden, was hinter den Geräuschen steckt, die der gute Mann von sich gibt. Ist es eine chronische Bronchitis? Eine anhaltende eitrige Nebenhöhlenentzündung? Oder doch eine Tic-Störung (auch bekannt als „Tourette-Syndrom“), bei der der Betroffene wiederholt Dinge tut, die sozial völlig unangepasst sind, also störend oder gar abstoßend wirken – und all das unwillkürlich und womöglich unbewusst! Alles in allem scheint der Patient einen aggressiven Kampf gegen den Inhalt seiner Atemwege zu bestreiten…

Sehr abwechslungsreich ist beim Innenhof-Radio ist übrigens die Musikauswahl. Häufig zelebriert ein Bewohner den Sonntagvormittag (nicht immer zu einer Zeit, da auch die jungen Nachbarn schon ausgeschlafen haben…) mit ein paar Schmankerln aus seiner Plattensammlung. Oder ist es eine Sammlung von mp3-Dateien von einer Download-Seite für „möglichst gleichförmig klingende, durch die Mainstream-Mühle gedrehte Pop- und Rocksongs farbloser Interpreten“? Nun ja, laut ist es, immerhin. Manchmal schwenkt das Programm dann noch über zu Schlagern (ebenfalls unbekannte Titel), bevor der Respekt vor den Mitmenschen überraschend wieder einsetzt und die Musik verstummt.
  
Ein anderer DJ ( – ist es ein anderer? Der Sound ist genauso durchdringend wie der des Sonntagsprogramms…) legt manchmal Songs von den Libertines, den Beatsteaks oder anderen Bands auf, die zufällig meinem Musikgeschmack entsprechen. Meine Lieblingssendung! Wenn ich doch nur einen dankbaren Hörerbrief schreiben könnte… aber ich weiß nicht, wo der Urheber wohnt.
Zur Entspannung nach dem Mittagessen gibt es regelmäßig eine wunderbare Live-Show: Im Hinterhaus wohnt ein Pianist, der die Zuhörer an seinen Übungsstunden teilhaben lässt. Da lasse ich gern meine Stereoanlage aus und lausche bedächtig, wie er ein hübsches Barockstück einstudiert. Es ist übrigens immer dasselbe Werk… Vielleicht ist dieser Beitrag auch dazu gedacht, geneigten Zuhörern das Meditieren zu nahezubringen!
Neulich habe ich mich getraut, selbst eine Darbietung über den Äther zu schicken: Bei offenem Fenster habe ich gesungen, Gitarre gespielt und den Widerhall von den angrenzenden Häuserwänden genossen. Ob dem Publikum meine Musik wohl gefallen hat? Wortbeiträge von Hörern sind noch selten bei uns im Innenhof. Vielleicht kommen die ja in Zukunft – hoffentlich in Form positiverer Kommentare als „Schnauze!!“…

Der Was-auch-immer-Tag

Als Sara und ich uns gestern auf einen Kaffee trafen, mussten wir erstmal zwischen betrunkenen, grölenden und im Gesicht krebsroten Männerhorden Spießrutenlaufen, denn: es war Herrentag. Oder, wie ich es aus Baden-Württemberg kenne, Vatertag. Oder auch Christi Himmelfahrt, oder anscheinend auch Männertag. Was ist denn dieser Tag denn nun eigentlich?

Laut Wikipedia stammt der Brauch, an diesem ursprünglich christlichen Feiertag den Vater zu ehren, aus den USA. Hier in Ostdeutschland wird allerdings nicht so sehr der Vater geehrt wie der Alkohol. Die gemeinsamen Männerausflüge scheinen ihren Ursprung tatsächlich in der Berliner Gegend zu haben und früher – so ein schönes Wikipedia-Zitat – der „Einweihung der Jüngeren in die Sitten und Unsitten von Männlichkeit“ gedient zu haben. Als mein Freund gestern Abend mit leuchtenden Augen und blauen Flecken, mäßig betrunken und völlig verdreckt zurückkam vom Ballspielen im Wald, fühlte ich mich wie die Mutter aus einer Waschmittelwerbung und dachte mir, anscheinend müssen Männer einfach hin und wieder ihre Männlichkeit demonstrieren. Was auch völlig OK ist, wenn sie den Rest des Jahres mit emanzipierten selbstbewussten Frauen klarkommen und Geschirr spülen. In anderen Kulturkreisen kämpft man mit Bären oder stürzt sich mit einer Liane um den Fuß von einem Holzgerüst. Da ist so ein bisschen saufen und Ballspielen doch harmlos.


Allerdings hab ich dann doch einen Verbesserungsvorschlag: Am Frauentag sollten (abgesehen von Demonstrationen zur Gleichberechtigung, die natürlich auch wichtig sind) alle Frauen in großen Gruppen kichernd, quietschend und sekttrinkend durch die Gegend ziehen und den einzelnen, verschüchtert vorbeihuschenden Männern Anmachsprüche hinterhergrölen. Wer ist dabei?

Samstag, 28. Mai 2011

Kein Reisetipp: Osterode am Harz


Manchmal ist es ja auch gar nicht schlecht zu wissen, was man sich ersparen kann. Falls einer der angeblich 23.000 Einwohner Osterodes (wo haben die sich bloß alle versteckt?!) diesen Beitrag lesen sollte: Ich war nur einen Tag da und habe bestimmt die Stadt nur nicht richtig zu schätzen gelernt. Für alle anderen: Macht woanders Urlaub!
Ich war letztes Wochenende für die Schulung eines Sprachreiseunternehmens in einer Jugendherberge in Osterode. Name: "Mit Harz und Seele" - ist das nicht harzallerliebst? Um zu genannter Herberge zu gelangen, muss man einmal durch die gesamte Altstadt laufen. Die ist schon irgendwie süß; ich habe noch nie außerhalb Baden-Württembergs so viele Fachwerkbauten auf einem Haufen gesehen und es ist wahnsinnig sauber und mit Blümchen geschmückt... und stinklangweilig. Denn was fehlt, sind Menschen. Es gab noch nicht einmal vorbeifahrende Autos, die man nach dem Weg hätte fragen können. Gut, es war ein Sonntag, aber man stelle sich bitte mal die von Brunchern und Bummlern überfüllten Gehwege Berlins vor!
Man mag mit Recht entgegnen, dass man in den Harz auch nicht wegen seiner flippigen Großstädte, sondern wegen der Natur fährt. Die ist ja auch wirklich... äh, grün. Von der Bahn aus konnte ich tatsächlich auch ein paar Berge sehen, aber nicht in einer Größendimension, die mich als Fast-Schwarzwälderin hätte beeindrucken können. Trotzdem ist es bestimmt ganz nett, dort zu wandern. Und eine Burg soll es bei Osterode auch geben.
Wirklich lustig ist allerdings der "Bahnhof" von Osterode, den wir beim Rückweg trotz Navi und Wegbeschreibung nicht wiedergefunden haben. Es gibt nämlich kein Bahnhofshäuschen, sondern einen klitzekleinen durchsichtigen Unterstand. Ich hatte mich schon gewundert, warum auf dem Ausdruck meiner Bahnverbindung keine Gleisnummer angegeben war, aber natürlich - es gibt eben nur eines. Für beide Richtungen. Da ist jede Berliner Straßenbahnhaltestelle größer!
Oje, ich bin ein Großstadtsnob geworden.

Mittwoch, 25. Mai 2011

Same procedure as every year


Was ist nur mit den isländischen Vulkanen los! Was haben die in den letzten Jahren bloß für ein Geltungsbedürfnis entwickelt? Wollten die auch unbedingt mal in die internationalen Medien oder was? Wenn es das war, dann haben sie ja ihr Ziel inzwischen erreicht und können aufhören, wie wild herumzuspucken und ganz Europa mit ihrer Asche zu terrorisieren.

Als ich am Montag im Büro in den Radionachrichten vom Ausbruch des Grímsvötn und ersten gestrichenen Flügen in Irland und Großbritannien hörte, dachte ich echt, die lesen aus Versehen die Nachrichten vom letzten Jahr vor. Und nachdem ich mich auf Google etwas ausführlicher informiert hatte, machte ich drei Kreuze, dieses Jahr warm, trocken und sicher im Büro in Berlin zu sitzen und bis Oktober keine fluggebundenen Reisepläne zu haben. Doch ein Blick auf die Facebookstartseite genügt, um zu sehen, dass auch dieses Jahr wieder einige Leute betroffen und genervt sind.

Letztes Jahr erschien mir die ganze Sache noch viel absurder: Ich saß mit zwei Freunden mit unfassbar günstigen Cocktails und noch günstigerem Angkor Wat-Bier am Strand von Sihanoukville , als ich die SMS meines Ex-Freundes erhielt: "Der Frankfurter Flughafen ist wegen isländischer Vulkanasche gesperrt." Wir wussten nicht so richtig, ob wir das für einen verspäteten Aprilscherz, eine unwichtige Meldung oder eine tatsächlich relevante Nachricht für unsere weitere Reiseplanung halten sollten. Kurz darauf schrieb meine Mutter, dass sie allein zu Hause sei, weil mein Vater in Hongkong festsitze und sie auf der Terrasse die Ruhe ohne Flugzeuge genieße. Wenige Stunden später rief mein Vater aus Hongkong an und berichtete, dass er mit zahlreichen Kollegen festsitze und sich jetzt erstmal ein Hemd schneidern lasse. Wir tranken noch ein paar günstige Bier und stellten uns vor, dass es in ganz Europa völlig dunkel sei wie nach einem Bombenangriff, weil wir nicht wussten, wie man sich die flugverkehrsgefährdende Vulkanasche sonst vorzustellen hat.

Die nächsten Tage verbrachten wir neben den normalen Alltagsreiseaktiviäten in Phnom Penh mit dem regelmäßigen Schauen der Nachrichten der Deutschen Welle, die sich um nichts anderes mehr drehten als gestrandete Passagiere, gestrandete Waren, gestrandetes Gepäck, überforderte Fluggesellschaften, busreisende Kanzlerinnen und einen knallharten Ramsauer (oder ist das dieses Jahr neu?). Ich telefonierte regelmäßig mit meinem gestrandeten Vater, der die verlängerte Dienstreise mit Bootsrundfahrten mit gestrandeten Piloten und gestrandeten Flugbegleiterinnen verbrachte und mir riet, so lange in Phnom Penh zu bleiben, bis wieder Flüge von Bangkok nach Europa gingen.



Sobald die ersten Flüge aus Hongkong starteten, stieg mein Vater dort ins Flugzeug und ich in Phnom Penh. Das war eine ganz blöde Idee und der Grund, weshalb ich bis heute schlecht auf Bangkok und isländische Vulkane zu sprechen bin. Denn die Tatsache, dass in Bangkok wieder Flüge nach Frankfurt starteten, hieß leider nicht, dass ich zu den ersten der etwa 900 rückgestauten Passagiere gehörte, die mitfliegen durften. Abend für Abend startete die 23:55 Maschine ohne mich in Richtung Europa. Und im Gegensatz zur Kanzlerin stand bei mir die Möglichkeit, mit dem Bus zu reisen, völlig außer Frage.

Drei unendlich lange Abende am Flughafen, drei kurze Nächte zwischen bekifften Backpackern auf der Khao San, einige verheulte Telefonate mit Papa, einen viertstelligen Ticketpreis und den ersten Businessclassflug meines Lebens später war dann meine persönliche Eyjafjallajökull-bedingte Odysee in Frankfurt beendet - eindeutig luxuriöser als bei Frau Merkel.

Und dieses Jahr muss ich mich glücklicherweise nicht auf die Deutsche Welle (die ich ja nicht mehr mag, weil sie mich inzwischen ZWEI Mal als Volontärin abgelehnt haben) und Telefonate in die Heimat angewiesen zu sein. Stattdessen kann ich zu Hause auf dem Sofa sitzen, Tagesschau gucken, Mitleid mit allen betroffenen Passagieren haben und mich zu freuen, dass ich gleich in mein eigenes Bett gehen kann.

Mittwoch, 18. Mai 2011

Kiffen und Kunst – die besetzte Stadt


Besonders beeindruckt hat mich in Kopenhagen die Stadt in der Stadt: Christiania. Da in Berlin vor kurzem auch das besetzte Haus in der Liebigstraße weichen musste, ist es um so erstaunlicher, dass es in Kopenhagen ein so großes autonomes Gebiet gibt – Wikipedia zu Folge 34 Hektar. Seit den Siebzigern ist hier ein ganzer Stadtteil besetzt und auf der Stadtkarte nur als grauer Fleck eingezeichnet. Eine Karte wäre auch schwierig, bei den vielen kleinen Wegen und selbstgebauten Holzhütten, für die niemals jemand eine Baugenehmigung beantragt hat... Da man dort eigentlich nicht fotografieren soll (es gibt jede Menge Verbotsschilder), stelle ich mir vor, dass auch Vermesser nicht besonders willkommen sind. Tagsüber kann man sich als Tourist in der Freistadt ganz angstfrei bewegen – wenn man nicht gerade die Bewohner beim Drogenhandel fotografiert. Wie es nachts dort ist, kann ich nicht sagen... hat das von euch schon jemand ausprobiert?!
Außer dem auf fahrbaren Ständen verkauften Gras und den vereinzelten alkoholisierten Auf-dem-Boden-Schläfern gibt es in Christiania aber vor allem eines: Kunst. Alle Hauswände und Mauern sind bunt bemalt, überall haben die Bewohner Skulpturen aufgestellt und viele der Häuser sind architektonische Meisterleistungen – wenn auch ein bisschen wackelig aussehend. Auf dem Hauptplatz werden selbstgefertigte Klamotten und Kunsthandwerk verkauft und es gibt Jazzclubs und vegetarische Restaurants. Es geht hier also nicht nur um Drogen, sondern um eine alternative Lebensweise, zu der auch Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit gehören. Auf Mülltrennung wird großen Wert gelegt, und daher ist es auch erstaunlich sauber in Christiania – so ganz ohne staatliche Müllabfuhr. Allerdings könnten die überall frei herumlaufenden Hunde vielleicht den ein oder anderen abschrecken. Es gibt übrigens durchaus ein paar Regeln, zum Beispiel das Verbot von harten Drogen und von Gewaltanwendung, die bei Sitzungen im Versammlungsaal besprochen werden.




Ich persönlich fand den besetzten Stadtteil unglaublich interessant. An jeder Ecke gibt es kleine Details, die die (möglicherweise durch bewusstseinserweiternde Substanzen unterstützte) Kreativität der Aussteiger zeigen. Auf kleinstem Raum hat sich eine riesige Menge an Urban Art angesammelt und die Atmosphäre ist trotz der immer zahlreicheren Touristen anders als ich es jemals irgendwo anders erlebt habe. Ich kann gut verstehen, dass die Stadt Kopenhagen das autonome Gebiet noch nicht hat räumen lassen – sie weiß wohl, dass sie da ein ganz besonderes, lebendiges und sich ständig veränderndes Museum und soziales Experiment besitzt.

                                                                     [der Ausgang]

Dienstag, 17. Mai 2011

Kopenhagen


Erstmal das Negativste vorweg: Es gibt ganz schrecklichen Kaffee in Kopenhagen. Ich war in drei völlig verschiedenen Cafés in drei verschiedenen Stadtteilen (um vor dem Wetter zu fliehen) und der Espresso war genau gleich mies: viel zuviel Wasser und extrem sauer. Als ich dann am letzten Tag beschlossen hatte, gar keinen Kaffee mehr auszuprobieren, sondern die tolle Auswahl an Säften und Smoothies zu nutzen, wurde alles besser. Die großartige Kette Joe & The Juice zum Beispiel macht Kaffee (den ich nach meiner Kapitulation nicht gekostet habe), frische Sandwiches und vor allem leckere Saftkreationen mit fantasievollen Namen. Besonders toll für Ingwerfans: Wenn in dem jeweiligen Saft nicht sowieso schon Ingwer ist, kann man sich einen Ginger Shot dazubestellen... Schade, dass es Joe & The Juice nur in London und Dänemark gibt! Obwohl, bei den Preisen könnte ich mir das eh nicht ständig leisten – also am besten den Kronen-Preis erst gar nicht umrechnen, dann ist man glücklicher. Übrigens scheint die Saft-Kette darauf zu achten, dass mindestens 50% der anwesenden Baristas typisch dänisch und ziemlich lecker aussehen ;)



Teuer ist eigentlich alles in Kopenhagen. Bis auf das durchaus sehenswerte Nationalmuseum, da kommt man umsonst rein. Aber Kino, Klamotten, Essen und Getränke sind sauteuer, selbst bei Netto (der zählt zusammen mit LEGO zu den Dingen, von denen ich nicht wusste, dass sie aus Dänemark stammen). Außer man hat Glück und landet in einem Restaurant in Uni-Nähe, das zufällig an diesem Tag alle Speisen zum halben Preis anbietet – und in diesem Fall ist es wirklich die Hälfte des Preises, den man im Rest der Stadt bezahlt. Das betreffende Restaurant heißt übrigens dalle valle und ist absolut zu empfehlen. Ich war überrascht, wie unglaublich nett alle Service-Angestellten in Kopenhagen sind, auch zu den dem Dänischen nicht mächtigen Touristen. Für alle, die fruchtigen süßen Mischgetränken nicht abgeneigt sind, ist die große Auswahl an Cider, die ich schon in Schweden genossen habe, super: Diesmal habe ich außer Birne und Apfel mal Holunderblüte und Erdbeer-Limette probiert, sooo lecker! Aber mit dem typisch britischen Cider (Strongbow oder so) hat es zugegebenermaßen nicht mehr viel zu tun.




Wenn man übrigens leckeren Cider, Smoothies und zum Essen viel zu hübsche Cupkaces haben und sich dabei nicht mehr als 5 Meter bewegen will (was allerdings nach den Cupcakes zu empfehlen wäre), dann muss man in die Sværtegade gehen, da gibt es einen Joe & The Juice (kombiniert mit einem Klamottenladen!), die Bar ZOO und den Cupcake-Laden Agnes direkt nebeneinander.



Obwohl das Wetter zehnminütig zwischen Regen, Sonnenschein und Hagel gewechselt hat, konnte mich Kopenhagen von seinen Vorzügen überzeugen. Der skandinavische Charme ist unverkennbar, die Stadt wirkt ruhig, entspannt und sauber und ich muss unbedingt nochmal hin um alles zu sehen, was mir diesmal entgangen ist. Da fast alle Läden samstags schon um 16 Uhr schließen und Sonntags ganz zu haben, sind Wochenend-Trips fürs Shopping eher schwierig. Glücklicherweise hab ich's aber doch noch gaanz kurz zu Monki geschafft...
Ein klarer Vorteil für Kopenhagen ist auch, dass der Flughafen tatsächlich in nur 12 Minuten vom Hauptbahnhof aus zu erreichen ist. Da unser Hotel nur zwei Minuten von diesem Bahnhof entfernt war und die Flugzeit nach Berlin nur 45 Minuten beträgt, ist man unfassbar schnell am Ziel, ohne nervige Shuttle-Busse und so. Wird auf jeden Fall wiederholt, das nächste Mal aber im Sommer!


Montag, 16. Mai 2011

Wo liegt eigentlich Aserbaidschan?

Und ist das wirklich noch Europa? Das waren zwei Fragen, die wir uns im Laufe des Samstagabends immer wieder stellten. Denn zum ersten Mal in meinem Leben habe ich tatsächlich den Gran Prix d' Eurovision de la Chanson geguckt. In den vorherigen 25 Jahren ist dieses kulturelle Ereignis irgendwie immer völlig an mir vorüber gegangen. Selbst dem Lena-Hype habe ich mich gänzlich entzogen. Ich kann mich noch nichtmal im entferntesten daran erinnern, was ich letztes Jahr am Grand Prix-Wochenende getan haben könnte. Ferngesehen habe ich auf jeden Fall nicht.

Ohne ein Lena-Fan in irgendeiner Art zu sein und in der festen Überzeugung, dass sie dieses Jahr sicher gaaaaaaaaaanz schlecht abschneidet, weil niemand in Europa will, dass Deutschland und Lena gleich zwei Jahre in Folge gewinnt und dass eine ganz dumme Idee von Stefan Raab war, startete ich also in europäische Fernseheregnis des Wochenendes. Denn wenn sogar die Australier echte Eurovisionsfans sind, kann es nicht sein, dass ich mich als Europäerin gar nicht dafür interessierte. Eigentlich wollte ich mit meiner Mitbewohnerin und ihren Freundinnen ins Freiluftkino in Kreuzberg. Da das Wetter für eine solche Open-Air-Veranstaltung aber recht suboptimal war, wich ich auf die neue Junggesellen-WG meines besten Freundes aus, die - wie sich das für eine Männer-Junggesellen-WG gehört - neben einem Kicker, einer Dartscheibe und einer Playstation auch mit einem Fernseher ausgestattet ist, der in etwa eine Bilddiagonale hat, die der Diagonale meines Kleiderschranks entspricht.

Pünktlich zum Wort zum Sonntag, das zu unser aller Amüsement ausnahmsweise schon um 20:55 live in Düsseldorf gesprochen wurde, fanden wir uns vor dem Fernseher ein, bei dem die Männer nach einigen Versuchen auch die richtigen Soundeinstellungen gefunden hatten. Ich befand mich in bester Gesellschaft. Ahnung vom Grand Prix hatte keiner von uns. Ein Kumpel meines besten Freundes kam um 22 Uhr dazu und war völlig überrascht: Er hatte gedacht, wir würden gemeinsam Formel 1 gucken.

Dafür dass ich keine Erwartungen an die Show hatte, war ich bestens unterhalten. Da wir selbst ein internes Voting durchführten, bei dem wir alle unsere Punkte verteilen und somit über unseren Favoriten abstimmen konnten, war die ganze Zeit Konzentration und Notizenmachen gefragt. Sonst konnte man bei den ganzen Boy Bands und den vielen osteuropäischen Staaten, deren Namen man sich kaum merken kann, schon etwas durcheinander kommen. Ich musste mindestens bei meiner endgültigen Punkteverteilung drei Mal nachfragen: "Was war noch mal die Ukraine? Die mit dem Sand?"

Und jeder hatte bei seiner Abstimmung ganz andere Kriterien. Während mir die coolen gelben Turnschuhe und das pinke Kleid bei den Esten gefielen, war John vor allem von den Seifenblasen und den Hintergrundeffekten der Schweiz beeindruckt. Lenas Auftritt und Song sagte uns allen nicht so richtig zu. Zu lahmer Song, seltsamer Tänzer im Hintergrund, altersmäßig unpassendes Outfit für Lena. Bei Lenas Platzierung tippten wir zwischen 7 und 15. John lag mit dem getippten 10. Platz absolut richtig. Ansonsten ließ es sich mal wieder bestens über die Franzosen (und auch Belgier) lästern, die im Gegensatz zu allen anderen 41 Ländern nicht in der Lage waren, ihre Punkte in englischer Sprache zu übermitteln

Was das Gesamtergebnis angeht, scheinen wir einen komplett anderen Musikgeschmack zu haben als die restlichen Europäer. Unsere Favoriten Estland, Bosnien & Herzigovina, Moldawien (wie lustig waren bitte die Hüte?!), Island und Spanien haben es nicht so weit nach vorn geschafft, wie wir uns das gewünscht hatten. Ganz zu schweigen von den Schweizer Seifenblasen, die außer John scheinbar nur ein paar Menschen in der Slowakei, Serbien und Großbritannien überzeugten, was dann leider nur für den letzten Platz reichte. Aserbaidschan tauchte übrigens in unserer kleinen Wertung überhaupt nicht auf. In unserer Runde hatte niemand dem Land, von dem keiner so richtig wusste, wo es eigentlich liegt, bis wir Carstens alten Schulatlas herausgekramt hatten, irgendwelche Punkte gegeben. Aber wer will schon einen Mainstreammusikgeschmack?! Das wäre ja völlig uncool.
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Freitag, 13. Mai 2011

Sushi!



Ja, ich weiß, man könnte denken ich bin die ganze Zeit nur am essen. Aber ich fotografiere nunmal gerne Essen und schreibe auch gerne darüber.
Heute: roher Fisch. Wie es sich für eine Prenzlbergerin gehört, mag ich Sushi total gerne und geh auch regelmäßig welches essen. Aus Nähe-Gründen mach ich das seit einiger Zeit im Sushi Number One in der Stargarder Straße und auch dieses mal hat sich mir wieder die Frage gestellt: Was hat es mit den 50%-Preisen auf sich?! Auf der Karte sind nämlich immer zwei Preise zu finden, ein schwarz geschriebener, völlig wahnwitziger, und ein rot geschriebener, die Hälfte billiger und damit bezahlbar. Das ganze ist nicht nur ein Eröffnungs-Trick, sondern schon seit Jahren so. Auch viele andere Sushi-Läden im Prenzlauer Berg machen mit bei der "50% auf Sushi"-Sache... warum? Die gebildeten Prenzlberger Akademiker-Schwaben lassen sich durch sowas doch wohl nicht auf die Dauer veralbern, oder? Vielleicht ist es inzwischen einfach Tradition und wer NICHT mitspielt, ist doof?
Na wie auch immer, das Sushi ist auf jeden Fall immer extrem lecker (besonders zu empfehlen: warme frittierte Big Rolls) und der Zitronengras-Ingwer-Eistee hat mich gleich zum Nachmachen inspiriert, Ergebnis: mmmh!


Übrigens hat meine Lieblings-Bloggerin Alix vor ein paar Tagen auch einen Sushi-Post verfasst. Etwas stylischer als meiner, aber so ist das eben, wenn man sich einen Sushi-Meisterkoch nach Hause einlädt...

Mittwoch, 11. Mai 2011

Rückmeldung

So, nach einer kleinen Kreativpause melden wir uns wieder ganz frisch (wenn auch nicht sonderlich erholt) zurück und bloggen jetzt wieder regelmäßig - Indianerehrenwort! ;)

Das habe ICH in der Zwischenzeit getrieben:


Naja, schön wär's... die meiste Zeit hab ich in stickigen Uni-Gebäuden oder Ämtern mit genervten Sekretärinnen verbracht. Aber gelegentlich darf man seine Uni-Texte auch mal in den Park mitnehmen und dabei dem Koffein-Laster ganz ausgiebig frönen. Warum ist Club Mate eigentlich ein solches Trend-Getränk geworden, ganz ohne Werbung? Und warum kennen es die meisten Nicht-Berliner überhaupt nicht?! Ich bitte um Antworten, damit ich mich endlich wieder wichtigeren Fragen (Wann beginnt Post-Postmodernismus? Ist Hyperrealität realer als Realität? Was mach ich zum Abendessen?) widmen kann.

Freitag, 29. April 2011

Tapitas


Jetzt hat meine Lieblingstapasbar auf der gaaanzen Welt doch mal einen Post verdient. Mit ganzer Welt übertreibe ich vielleicht ein bisschen, ich kann mich an eine Tapasbar in Barcelona erinnern, die auch super war, bis dann die seltsamen alten Männer auf einmal mit ihrem katalanischen Theaterstück angefangen hätten... aber das ist eine andere Geschichte.
In Berlin ist das Tapitas in der Gleimstraße auf jeden Fall kaum zu übertreffen. Es ist  unheimlich liebevoll und atmosphärisch eingerichtet, ist ganz klein und hat auch nur winzig kleine Tische - aber es müssen ja meist auch nur kleine Schälchen drauf passen. Außer man nimmt gleich die gemischte Tapasplatte für mehrere Personen, die wirklich sehr zu empfehlen ist. Zusätzlich zum Üblichen (Serrano-Schinken, Chorizo, Manchego, getrocknete Tomaten, Kapernbeeren, Salat usw.) gibt es immer wechselnde warme Tapas, von denen man sich drei aussuchen darf. Ich habe inwischen die Garnelen, die Fleischbällchen, das Hühnchen in Machego-Limetten-Sauce (Favorit!!) und die mit Schinken umwickelten Datteln ausprobiert, und alles war saulecker. Dazu gibt es natürlich Weißbrot und Aioli, also nichts für Knoblauchphobiker. Was man vielleicht schon heraushört: für Vegetarier ist das Tapitas wohl nicht die ideale Wahl, da es kaum was ohne Fleisch oder Fisch gibt.


Zum Wein: zur Schande meiner Eltern, die auf diesem Gebiet sehr bewandert sind, bin ich überhaupt keine Weinkennerin. Es reicht grade mal zu "süß, trocken, viel zu trocken". Aber dass der im Tapitas (auch zum Mitnehmen) verkaufte Zappadorado was ganz besonderes ist, das schmecke selbst ich. Der spanische Weißwein riecht total lecker nach Früchten (meiner Meinung nach Pfirsich, offiziell aber Ananas), schmeckt jedoch eher wie ein trockener Weißwein und gar nicht klebrig süß.

Hmmm... vielleicht doch eine Karriere als Restaurantkritikerin?



Dreieinhalb von zwei Milliarden

Es war DAS Fernsehevent des Jahres. Es war DIE Hochzeit des Jahres. Vor allem aber war es MEIN Fernsehevent des Jahres. Ich bin gerade bei meinem Bruder und meiner Mutter nicht gerade als aktive Fernsehguckerin bekannt. Und es war MEINE Hochzeit des Jahres. Denn zu einer anderen bin ich dieses Jahr eh nicht eingeladen. Okay, bei William und Kate war ich leider auch nicht eingeladen, was sich natürlich nur um ein Missverständnis handeln kann. Aber es hat mich nicht davon abgehalten, letzte Woche ein paar Freundinnen zum gemeinsamen Wedding Watching einzuladen, gestern Abend Sekt einzukaufen und kaltzustellen, mich heute morgen in Schale zu werfen, meine englische und meine australische Fahne (eine britische fehlt mir in der Sammlung leider noch) im Wohnzimmer zu hissen, mir den edlen Zylinder meines Mitbewohners zu leihen und mit ebendiesem auf dem Kopf bei Crackern, Käsehäppchen, englischem Weingummi, weiteren Leckereien und natürlich viel Tee die gesamten sechs Stunden der Berichterstattung im Ersten zu verfolgen.
Das musste einfach sein!

Schon die letzten Wochen habe ich alles zur königlichen Hochzeit gelesen und geguckt, was mir zwischen die Finger und vor die Augen kam. Das war auch nicht besonders schwer. Die Berichte und Reportagen waren allgegenwärtig. Auf allen Fernsehsendern, auf allen Radioprogrammen, in Lokalzeitungen und jeder Art von Zeitschrift. Man konnte der Vorberichterstattung ja noch nicht mal als Spiegel-Abonnent entgehen. Das war übrigens eine sehr informative und lustige Titelreportage des deutschen Nachrichtenmagazins, das mich sonst meistens nicht so aus dem Sessel reißt. Danach wusste ich endlich, dass Kate -genau wie ich- an einer Pferdehaarallergie leidet. Ach, die Parallelen. Nicht nur die dunklen Haare und die starken Augenbrauen... Um ein Haar hätte ich Prince Williams Braut werden können. Wäre ich ihm, der übrigens - wie ich- Linkshänder ist, nur bloß irgendwann begnetet. Aber leider haben sich unsere Wege einfach nie gekreuzt. Und so gönne ich ihm das Eheglück mit seiner brünetten Prinzessin, die nun Duchess von Cambridge ist, und muss mich mit einem Platz am Berliner Küchentisch zufrieden statt am Altar von Westminster Abbey zufrieden geben. Macht ja nix. Ich konnte garantiert länger schlafen als die Brautleute und ihre knapp 2000 Gäste, die schließlich alle vor 8 a.m GMT aufstehen, duschen, zum Frisör, zur Kosmetik, zur Maniküre und sich auch noch anziehen mussten... Den Stress hatte ich nicht.

Von meinen Kolleginnen (ich arbeite in einer Frauenabteilung, in der es nur einen Quotenmann in Werkstudentenposition gibt) waren einige sehr neidisch darauf, dass ich heute meinen freien Tag hatte, während sie die Hochzeit heute höchstens verstohlen mit Kopfhörern im Internet gucken konnten. Vielleicht waren sie aber auch froh, mich heute im Büro nicht in meinem Element erleben zu müssen, weil ich ihnen die gesamte Woche schon mit random fun facts à la "Wusstet ihr eigentlich, dass Kates Ring aus einem Stück walischen Gold gefertigt wurde?" genervt habe. Vorgestern rief mich dann unsere Webmasterin bereits mit einer "Fachfrage" an: "Sag mal, du weißt das doch bestimmt! Wie alt ist Kate eigentlich?" Meinen Ruf als kommunikationsabteilungsinterne Adelsexpertin habe ich somit gefestigt. Leider bringt einem das im Gasturbinensektor wenig. Gestern habe ich im Büro beim Layouten inbrünstig "God Save the Queen" und "Rule Britannia" gesungen. Heute hatten sie im Büro ihre Ruhe und ich bin stattdessen meinen Mitbewohnern, darunter immerhin drei völlig desinteressierte Männer, mit meinem royalen Wissen auf den Geist gegangen.

Um Punkt acht ging mein Wecker, um mir genug Zeit zu geben, mich in mein seidenes Cos-Kleid voller Weinflecken (aber da ja niemand eine Kamera auf unser Wohnzimmer gerichtet hat, war das ja egal) zu werfen, etwas Make-Up aufzulegen und kurz bei meinem heiß geliebten Bäcker Siebert ein paar Schrippen fürs königliche Frühstück zu holen. Um Punkt neun habe ich dann den Fernseher angeschaltet, um ja keine Minute der Berichterstattung meines großen beruflichen Idols Rolf Seelmann-Eggebert und der immer wieder großartigen und für alles einsetzbaren Barbara Schöneberger zu verpassen. Ach ja, Mareile Höppner war auch dabei. Aber die kenne ich irgendwie erst, seit ich letzte Woche in der NDR-Talkshow von ihr erfahren habe, dass sie mal Theologie studiert hat, aber dann durchs Hebraeicum gefallen ist.



Gemeinsam mit zwei Freundinnen und der knapp vier Monate alten am Event nicht so recht interessierten Tochter der Freundin habe ich dann die gesamten sechs Stunden von "Küss mich, Kate" verfolgt und dabei etwa sieben Tassen Tee getrunken. Victoria Beckham hat wie immer nicht gelacht und sich den Hut für den Tag sicher von British Airways Flugbegleiterinnen geliehen. Da gefiel mir der Zylinder ihres Mannes schon wesentlich besser, zumal ich etwas sehr Ähnliches auf dem Kopf trug. Die Queen bewies mit einem kanariengelben Kostüm und farblich abgestimmtem Hut mal wieder ihre Vorliebe für bunte Farben und hat in der Kutsche nach der Trauung tatsächlich sehr großmütterlich stolz gelächelt, während ihr Mann Prince Philip daneben saß und gähnte. Macht ja nix. Mit 90 Jahren als Großbritanniens longest-serving consort und oldest serving spouse of a reigning monarch darf man auch mal müde sein. Tara Parker-Tomkinson, Prince Charles' koksendes Patenkind, versuchte ihre verkokste Nase unter einem Hut zu verstecken, der fast bis zu eben dieser Nase reichte und demnach nicht nur ein wenig ungewöhnlich aussah. Aber was komische Hüte anging, war sie eigentlich in bester Gesellschaft. Harry ist in seiner Dienstuniform breitbeinig wie ein Cowboy durch die Kirche gewatschelt und hat seinem Bruder ab und zu unanständige Dinge ins Ohr geflüstert. Da bin ich mir sicher! Elton John sah aus wie immer.

Kates Brautkleid hat mich ein wenig enttäuscht. Ich hatte auf etwas Moderneres, Schickeres, Schlichteres, weniger Rüschiges mit weniger Schleppe und vor allem weniger Verschleierung gehofft. Irgendwie war es doch etwas altbacken und konservativ mit den langen Spitzenärmeln als Sichtschutz über dem eh nicht zu offenherzigen Dekollté und der völligen Verhüllung unter mehreren Quadratmetern Schleier. Die Frage, die wir uns dabei stellten: Hat sie unter dem Schleier geweint? Es sah zumindest ein wenig so aus. Wie auch immer: Das Kleid von Victoria von Schweden letztes Jahr gefällt mir eindeutig besser. Aber die Schweden sind modisch vielleicht eh etwas stilsicherer als die Briten, die nicht gerade für ihren guten Kleidergeschmack bekannt sind. Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass ich selbst so gerne Kleider aus schwedischen Modehäusern trage... Zum Beispiel heute.

Die Trauung an sich war relativ unspektakulär. Ich finde es nach wie vor unmöglich, dass William keinen Ehering trägt. Wenigstens zur Zeremonie hätte Kate ihm ja eine Attrappe aufstecken können. Und überhaupt: Was ist das für eine bescheuerte Tradition, dass nur die Braut mit einem Ehering durchs Leben laufen muss?! Das ist mir völlig unverständlich. Für unseren Geschmack gab es außerdem ein bisschen zu wenig Lächeln und Körperkontakt zwischen den Brautleuten. Wenn man gerade getraut wurde, kann man ja ruhig mal ein bisschen Händchen halten. Das sollte selbst in der Kirche und selbst für den Adel und frisch eingeheirateten Adel erlaubt sein! Ebenso unspektakulär und enttäuschend waren die beiden Blitzküsse auf dem Balkon. "Die waren ja so kurz, dass man sie verpassen konnte, wenn man kurz nicht hingeguckt hat.", beschwerte sich meine Mutter zu Recht bei der telefonischen Hochzeitsauswertung nach 15 Uhr. Viel interessanter war in dem Moment das lockige Blumenstreumädchen, das sich die ganze Zeit die Ohren zugehalten hat.

Jetzt warte ich gespannt auf die Änderung der britischen Thronfolge und Harrys Hochzeit. Mal sehen, ob Pippa sich ihn krallt!

Dienstag, 26. April 2011

Bach und das schielende Opossum

 
Leipzig. Die touristischen Sehenswürdigkeiten hat man recht schnell alle durch, denn sie sind alle sehr, äh... zentral gelegen. Man könnte auch sagen, der hübsche alte Teil von Leipzig ist eher von überschaubarer Größe. Aber dafür auch wirklich hübsch. Am bekanntesten sind wohl die Nikolaikirche, die Thomaskirche, das Alte Rathaus und die zahlreichen sehr schicken Passagen, allen voran die Mädlerpassage, wo man sich in Auerbach's Keller für viel Geld einmal Faust und Mephisto ganz nahe fühlen kann. Außer auf Faust sind die Leipziger sehr stolz auf ihren Organisten und Komponisten Johann Sebastian Bach, der wirklich allgegenwärtig ist, und auf Heidi. Nicht die Alm-Heidi und auch nicht die Klum-Heidi, sondern das übergewichtige schielende Opossum Heidi, das im Leipziger Zoo zu Hause ist. 


An Museen hab ich ich an meinem einen Besuchstag nicht viele gesehen, aber die (kostenlosen) Ausstellungen im Zeitgeschichtlichen Forum sind sehr interessant und museumspädagogisch durchdacht - man sollte allerdings einen erhöhten Zeitaufwand und Begeisterungsausbrüche einplanen, wenn man es mit einem angehenden Geschichtslehrer besucht.


Auch in Leipzig gibt es eine etwas alternativ angehauchte Ecke (etwa wie Prenzlauer Berg vor 15 Jahren), nämlich die Karl-Liebknecht-Straße ("Karli"), wo es siffige Hinterhöfe, bemalte Wände, Second-Hand-Läden, eingesächselte Fotoautomaten und zahlreiche Bars und Restaurants gibt, in denen zu Studentenpreisen eigekehrt werden kann. Und noch etwas, das mir persönlich sehr entgegen kommt, gibt es in dieser Stadt en masse: Cafés und Bücherläden. Da die letzteren wie alle anderen Läden am Ostermontag leider geschlossen waren, musste man sich eher auf die Cafés konzentrieren. Abgesehen von den ganz prestigeträchtigen, wie dem Coffe-Baum oder dem Riquet, kann ich das etwas westlich vom eigentlichen Stadtkern, in der schönen Bosestraße, gelegene Luise empfehlen. Leckeres Essen und schönes Ambiente - nur den Unterschied zwischen laktosefreier Kuhmilch und Sojamilch (bäh!), den haben die meisten Leipziger Gastronomen anscheinend noch nicht begriffen. 


Verhungern muss man in Leipzig auch nicht, außer einer auffällig großen Menge an Sushi-Restaurants gibt es ein vielfältiges Angebot und besonders auf dem mittelalterlichen Markt namens Historische Leipziger Ostermesse einige typisch sächsische Spezialitäten, wie zum Beispiel die Kräbbelschn, Verzeihung... Kräppelchen. Und obwohl die Leipziger seltsam reden, sind sie - zumindest die im Service-Bereich und die wenigen, die ich persönlich kenne - extrem nett!
Alles in allem ist Leipzig wohl nicht für längere Urlaube zu empfehlen, aber ich glaube leben kann man dort schon ganz gut. Berlin ist ja auch gar nicht weit weg...




Schmiererei oder Urban Art?

 
Manchmal stand ich in Mailand vor einer komplett weißen Hauswand oder in einer trist-grauen Fußgänger-Unterführung und dachte: "Das würde in Berlin nicht passieren!" Zugegeben, ein Großteil der Graffiti in Berlin ist nicht besonders kunstvoll, aber irgendwie hab ich mich schon dran gewöhnt, und wenigstens ist es nicht langweilig. Gut, es ist natürlich auch Sachbeschädingung und die Stadt gibt Millionen für die Beseitigung aus... wobei ich mich manchmal frage, warum sie nicht lieber in die Beseitigung von Hundehaufen investiert, die stören mich persönlich nämlich mehr als Graffiti. Aber mal abgesehen von den  hingeschmierten Tags reichlich unbegabter Jugendlicher finden sich an den Hauswänden und Mauern Berlins auch jede Menge Bilder, die durchaus meiner Auffassung von Kunst entsprechen. Und tatsächlich sind inzwischen viele der einstmals polizeiflüchtigen Sprayer oder Street Artists in der Kunstszene anerkannt (wie zum Beispiel der Engländer Banksy) und ihre Werke werden teuer verkauft und sogar in Museen und Galerien ausgestellt. 



Vor kurzem sah ich in der Tagesschau einen Bericht über eine internationale Urban Art Ausstellung, der mich  wirklich faszinierte. Vor allem die Location ist sehr gut gewählt, es handelt sich um das stillgelegte Stahlwerk Völkinger Hütte. Ich muss gestehen, dass ich davor noch nie von diesem immerhin zum UNESCO Weltkulturerbe gehörenden Gebäude gehört hatte, aber wenn das Saarland nicht so weit weg wäre, würde ich sofort hinfahren. Schon allein das Stahlwerk selbst ist sehr eindrucksvoll, und die Ausstellung Urban Art - Graffiti 21  dauert noch bis zum 1. November. Falls irgendjemand von euch es hin schafft - ich bitte um Berichterstattung!


 


Montag, 25. April 2011

Roadtrip an die Nordsee

An sich bin ich ein großer Fan von Roadtrips. Allerdings sollten dabei ein paar Dinge erfüllt sein: Nette Mitfahrer, interessante Umgebung, spannendes Ziel. Nichts davon wurde bei meinem Roadtrip an die Nordsee letzte Woche erfüllt.

Man bei solchen Fahren auch was zu sehen bekommen, egal ob das nun in Australien tote Kängurus am Straßenrand und atemberaubende Landschaften rechts und links der Straße sind oder wenigstens ein paar spannende Pflanzen und süße Cafés in den Bergen von Teneriffa oder Gran Canaria. Man sollte etwas mehr oder weniger Ungewöhnliches erleben oder wenigstens, wie in den USA, alle paar Minuten bzw. Meilen die Möglichkeit haben, eine unfassbar fettige Mahlzeit in einem der vielen vielen Fastfoodrestaurants einzunehmen, die es in Europa gar nicht gibt.

Mein Roadtrip letzte Woche, der mich 70 km entlang der B73 vom Landkreis Stade in den Landkreis Cuxhaven führte, gehört nicht zu der interessanten Sorte Roadtrips. Es war eine langweilige Autofahrt einer schlechten Autofahrerin durch eine langweilige Gegend.

Schon die Planung dieser „Reise“ gestaltete sich nicht ganz einfach:

Telefonat mit meiner Mutter Anfang April 


„Mama, ich brauche am Mittwoch vor Ostern ein Auto.“ – „Das geht nicht, da sind wir in London.“ – „Aber doch nicht mit beiden Autos. Ihr fahrt doch nicht mit beiden Autos zum Flughafen.“ – „Nein, aber mein neues Auto kannst du nicht fahren.“ – „Wieso, ist der irgendwie anders als die vorherigen Tourans?“ – „Ja, der hat sechs Gänge.“ – „Aha.“ – „Und, das kannst du nicht!“ –„Dann lasst mir doch den Golf da, mit dem kann ich fahren.“ –„Mmmh.“ –„Ihr könnt doch einfach mit dem Touran zum Flughafen fahren und ich nehme den Golf.“ - „Kannst du nicht Gründonnerstag fahren?“ – „Nein, das Bewerbungsgespräch ist aber Mittwoch.“ – „Können die das nicht Donnerstag machen. Das würde besser passen.“ – „Wieso? Willst du mich dann da hinfahren? So wie zur mündlichen Abiprüfung?“ – „Ganz bestimmt nicht!“ – „Na dann kann ich ja auch am Mittwoch mit dem Golf fahren.“


Zu diesem Thema sollte man wissen, dass mir meine Eltern, seit ich vor acht Jahren einmal durch die praktische Fahrprüfung gefallen bin, mit einem Auto keine zwei Meter über den Weg trauen.

Gespräch mit meiner Mutter am Sonntag vor Ostern:

„Weißt du schon, wie du Mittwoch fährst?“ – „Nee, ich wollte mal auf Google Maps gucken.“ – „Ja, also fährst du B73?“ – „Weiß nicht. Eigentlich nicht. Die mag ich nicht so gern.“ – „Ja, wie willst du denn dann fahren?“ – „Ich dachte, ich fahr einfach immer am Deich lang. Dann muss ich doch irgendwann an der Elbmündung ankommen.“ – „Da ist aber Montag und Dienstag die Straße gesperrt.“ – „Aber ich fahr doch erst Mittwoch.“ – „Ach ja. Fahr doch Autobahn.“ – „Ich fahr doch nicht Autobahn! Das kann ich gar nicht.“ – „Das ist doch eine Dorfautobahn. Die fahr sogar ich.“ – „Aber kann ich nicht einfach in Buxtehude auf die B73 fahren.“ – „Nee, es ist besser, du fährst über die Autobahn auf die Bundestraße.“ – „Aber wie komme ich denn zur Autobahn?“ – „Ach Kind, den Weg nach Mittelnkirchen kennst du doch?“ – „Vielleicht? Ich kann ja nochmal bei Google Maps gucken…“ – „Oder du nimmst unser Navi?“ – „Oh ja, das ist eine gute Idee.“ – „Kannst du denn damit umgehen?“ – „Joa.“ – „Hast du das schon mal benutzt?“ – „Ja, in Amerika, oder?“ –  „Du musst schon wissen, wie man das bedient.“ – "Das kriege ich schon irgendwie hin." - „Ja, mein Gott, du musst es schon bedienen können.“ – „Ich habe schon mal ein Navi bedient. Das von John.“ – „Dann muss Papa es dir geben.“


Natürlich hat Papa es mir nicht gegeben. Ich habe mir auf Google Maps eine Route herausgesucht und diese sofort gefunden. Ich habe die Fahrt auf der Autobahnfahrt auf dem kürzesten Autobahnabschnitt der Welt überlebt und die 57 km lange Fahrt auf einer von Deutschlands gefährlichsten Bundesstraßen. Und zu Deutschlands langweiligsten Bundesstraßen zählt sie sicher auch.

Da entlang der Straße alle paar Kilometer ein neues nichtssagendes Geestdorf liegt, kann man noch nicht mal schnell fahren. Und zwischen den Dörfern ist auch nie so richtig klar, ob man nun eigentlich 70 oder 100 fahren darf. Oder eben doch nur 30, weil gerade irgendwas gebaut wird. Irgendwas wird ja immer gebaut. Tote oder lebendige Tiere habe ich nicht gesehen. Noch nicht mal ein Schaf! Außergewöhnliche Fastfoodrestaurants wie in den USA sind leider ebenso wenig zu finden. Immerhin erkannte ich in einem der nichtssagenden Dörfer die Pommesbude wieder, an der ich im Bundestagswahlkampf 2005 gemeinsam mit dem Landkreisjuso nach einer Wahlkampfveranstaltung in irgendeinem anderen Geestdorf gegessen habe. Auch die Unterhaltung auf den zehn im Raum Hamburg vorhandenen Rock- und Popradiosender mit dem besten aus drei bis vier Jahrzehnten bot wenig Ablenkung auf der Autofahrt. Denn alle zehn Sender spielten immer abwechselnd folgende zwei Lieder: „Grenade“ von Bruno Mars, von dem mir meine Mutter vor einigen Tagen erzählt hatte, dass es auf der Beerdigung eines Schülers gespielt wurde, der mit einem Trecker ums Leben gekommen ist, weswegen es für mich nun für immer ein Beerdigungslied sein wird, und „Bye bye Hollywood Hills“ von Sunrise Avenue, bei dem ich jedes Mal wieder feststelle, dass der finnische Sänger einen seltsamen Akzent im Englischen hat.

Also blieb mir nichts anderes übrig, als meine einzige aus Berlin importierte CD zu hören. In Papas Auto ist die CD -Auswahl für Menschen unter 70 wenig ansprechend, seit mein Bruder nicht mehr zu Hause wohnt und die Autos meiner Eltern mit Musik versorgt. Meine CD war Nummer 5 einer „Best of Musical“-Kollektion, die ich neulich für sieben Pfund in London bei HMV gekauft habe. Und so hat mir der kleine Roadtrip neben etwas Fahrpraxis immerhin eines gebracht: gefestigte Textsicherheit bei „Tomorrow“ aus Annie und „Maybe this time“ aus Cabaret!

Donnerstag, 21. April 2011

Bericht aus Neukölln - Neu im Klischeebezirk

von unserer Neukölln-Korrespondentin Jana

Ich bin eingeladen worden, auf diesem Blog etwas über Neukölln zu schreiben. Da ich erst vor einem Monat hierhergezogen bin, eigne ich mich natürlich (noch) nicht für Expertenbeschreibungen und Insidertipps – aber es möchte doch so mancher aus meinem Bekanntenkreis wissen, wie es mir an meinem neuen Wohnort geht, und darauf kann ich natürlich Antwort geben. Und noch mehr: Ich gehe auch gern auf die ungestellten Fragen zu Neukölln ein…


„Gut!“ sage ich immer, wenn ich gefragt werde, wie es mir hier gefällt – das heißt: Ich fühle mich in meiner neuen WG wohl, habe es endlich geschafft, mein Zimmer fertig einzurichten, und ich freue mich immer wieder, mit dem Fahrrad zur Uni in Adlershof fahren zu können. Außerdem wohnen mehrere Freundinnen gleich um die Ecke meiner neuen Wohnung, und der Stadtteil war mir schon länger sympathisch.


Viele andere Menschen sind da eher skeptisch – verständlicherweise, denn Neukölln taucht vor allem dann in den Medien auf, wenn es um Drogenhandel (am Hermannplatz), Brandstiftung (in der Sonnenallee), Gewalt unter Jugendlichen (an der Rütli-Schule) oder mangelnde Integration (überall) geht. Positiv tritt der Stadtteil eigentlich nur in Erscheinung, wenn über den „Karneval der Kulturen“ und ähnliche Veranstaltungen berichtet wird – die wenigen Überreste der Multi-Kulti-Euphorie, die (ob nun wegen oder trotz der Ausführungen von Herrn Sarrazin) der Annahme weichen muss, dass es so einfach wohl doch nicht ist.

Aber wie sieht es im „sozialen Brennpunkt“ und „Einwandererviertel“ Neukölln nun aus? Meine Vermutung ist: Der eine oder andere, der mich nach meinem neuen Wohnort fragt, ist weniger interessiert an meiner Einbauküche oder den schönen neuen IKEA-Gardinen als an Informationen aus erster Hand über die Zustände zwischen Landwehrkanal und Flughafen Tempelhof.

Wer gern seine Klischees erfüllt sieht, kann sich freuen, wenn er mich besucht: Ja, es gibt hier relativ viele Frauen mit Kopftuch, Männer mit Schnurrbart und Jugendliche mit diesem speziellen Akzent. Und egal, an welcher Bushaltestelle in meiner Nähe man aussteigt, man fällt quasi direkt in eine Dönerbude und wird vom würzigen Duft der Fleischspieße und Fladenbrote begrüßt.

Weniger klischeehaft und noch schöner finde ich aber die Gegenwart anderer Kulturen an Orten, wo ich glaubte, mich auszukennen: Bei NETTO am S-Bahnhof Sonnenallee gibt es ein Regal voll mit Bulgur, gefüllten Weinblättern, Blätterteig und anderen Köstlichkeiten aus Anatolien & Co. Im O2-Shop erlebte ich zum ersten Mal, wie eine junge Frau (ohne Kopftuch übrigens) ohne Zögern den Berater auf Türkisch ansprach. Und vor dem einen oder anderen Geschäft stehe ich ziemlich ratlos, weil alle Beschriftungen auf Türkisch oder Arabisch sind. Mittlerweile empfinde ich es aber schon als normal, dass Kunden „Merhaba“ statt „Hallo“ sagen, zum Beispiel beim Bäcker gegenüber. Dort ist das Angebot übrigens wunderbar gemischt: Fladenbrot (auf Türkisch: „Pide“ – noch eine Vokabel gelernt), deutsches Körnerbrot, Baklava, allerlei Kuchen und meine neuen Lieblingssnacks, Börek und - noch leckerer (und kostet nur 1,50 EUR…) – Gözleme.



Manchmal vergesse ich, dass der Anteil der Menschen in Neukölln, die ihre Wurzeln in anderen Ländern haben, erst seit relativ kurzer Zeit stilprägend hoch ist. Doch das ziemlich deutsch daherkommende Rathaus oder auch das Stadtbad Neukölln, erbaut 1914 nach Vorbild einer antiken Badeanstalt, erinnern mich wieder daran. Außerdem wird der aufmerksame Besucher darauf hingewiesen, dass der Kern des Bezirks das ehemals eigenständige Örtchen Rixdorf ist. Oft habe ich bedauert, dass Pankow, das ich wegen seines Kleinstadt-Flairs so mag, nur allzu weit weg von meiner Uni ist. Aber jetzt nicht mehr, denn ich habe den Richardplatz kennengelernt, die Kopfsteinpflaster-Straßen des Böhmischen Dorfes (benannt nach – na..? – genau, Einwanderern!), die Schmiede, die Dorfkirche – was brauche ich mehr, wenn mir der Großstadtrummel zu viel wird? Und das Beste: Rixdorf liegt mitten drin in Neukölln. Außerdem kommt von hier die tolle Rixdorfer Fassbrause.

A propos Getränke: Der sogenannte Weserkiez, der ja angeblich total im Kommen und Aufblühen ist, liegt auch gleich hinter meinem Haus. Hier (und auch in Rixdorf) gibt es eine Reihe Kneipen und Cafés, worin die immer zahlreicher werdenden jungen Bewohner ihre unverbraucht-hippen Kaffee- und Nachtstunden verbringen können, bevor der Mainstream ankommt. Übrigens: Das Gelände der berüchtigten Rütli-Schule liegt an der Weserstraße, mitten im Kiez also. Wenn das kein Symbol für die Vielfalt Neuköllns ist!

Olaf Scholz, die Abschaffung der Studiengebühren und ich

Ich bin heute morgen aufgestanden und habe herausgefunden, dass ich hellsehen kann. In die Zukunft schauen. Ereignisse, die noch nicht geschehen sind, vorhersehen. Toll! So was passiert mir eher selten. Normalerweise stehe ich auf und stelle fest, dass es regnet oder dass mein Zimmer immer noch so unordentlich ist wie am Vorabend oder dass die U9 mal wieder unterbrochen ist, ohne dass die BVG das vorher angekündigt hätte.

Heute Morgen allerdings offenbarte mir die Zeitung, dass ich schon wusste, was die erste große Amtshandlung des neuen Hamburger Bürgermeisters sein würde, bevor er es selbst wusste. Das Buxtehuder Tageblatt titelt heute auf seiner Hamburgseite "Scholz plant Haushalt ohne Einschnitte - Studiengebühr wird wieder abgeschafft". Na, wer sagt's denn? Das wusste ich schon letzten Freitag.

Ich kann also entweder ins Wahrsagerbusiness einsteigen oder Beraterin für sozialdemokratische Bürgermeister werden. Wowi braucht doch sicher noch ein bisschen frisches Blut in seinem Wahlkampfteam.

Mittwoch, 20. April 2011

In der norddeutschen Provinz



Auch wenn meine langjährige Freundin Jana, mit der ich schon zusammen in Buxtehude zur Schule gegangen bin, vor einiger Zeit versuchte, meinen Ex-Freund, einem echten Berliner, davon zu überzeugen, dass Buxtehude keine Provinz sei, sondern eine aufstrebende Kleinstadt, bin ich trotz Heimatverbundenheit der Überzeugung: Natürlich ist Buxtehude Provinz.
Es gibt selbstverständlich noch viel schlimmere Provinz: alle Gegenden, die nicht in S-Bahn-Nähe einer deutschen Großstadt liegen, zum Beispiel. Und allen voran die Region, in der meine Großeltern gelebt haben - im niedersächsischen Niemandsland hinter Uelzen, direkt an der früheren innerdeutschen Grenze. Das liegt wirklich der Hund begraben. In Buxtehude bellt er bloß mit dem Schwanz. Das ist natürlich besser. Provinz sind die mittelalterliche Stadt und der umliegende Landkreis trotzdem.

Macht ja nix. Das Leben in der Provinz hat wie alles seine guten Seiten: Die Ruhe - wenn man mal von den inzwischen auch hier weit verbreiteten gurrenden Tauben, dem Flugverkehr von und nach Fuhlsbüttel über der Terrasse und der Beschallung durch die Musikanlagen der vorbeifahrende Dorfjugend mit ihren tiefer gelegten Autos auf der Hauptstraße absieht. Die gute Landluft! Die wunderschönen blühenden Obstplantagen. Der Deich mit den Schafen. Und dem Jugend- und Frauengefängnis gleich nebenan.

Bei all der Idylle muss man dann eben damit leben, dass die Leute arrogant und schlecht erzogen sind. Warum die Berliner immer als unfreundlich und unhöflich betitelt werden, ist mir völlig unklar. Wenn ich das Haus verlasse und die Nachbarskinder mich nicht zurückgrüßen, obwohl sie mir mit ihrem komischen Arschwackelskateboard fast auf den Füßen stehen, als ich ins Auto einsteige, und das alte Ehepaar sich auf dem Wochenmarkt am Käsestand gnadenlos vordrängelt und dann noch völlig unverschämt reagiert, als ich sie darauf hinweise, dass wir schon seit zehn Minuten in der Schlange stehen. "Ach, das passiert jede Woche", sagt meine Mutter, "das machen die älteren Paare hier immer so!" Drei Meilen vor Hamburg, willkommen im Land der Unverschämtheit, oder wie?
Was soll man dazu noch sagen?! In Berlin grüßen mich in meinem Mietshaus mit mindestens 32 Mietsparteien alle zurück, wenn ich sie grüße, selbst wenn sie nur Besucher sind. Und das mit dem Vordrängeln würde sich wohl auch keiner trauen, weil er mit entsprechenden nicht all freundlich ausfallenden Konsequenzen zu rechnen hätte, nicht nur im Wedding.

Aber es hat sicher seinen Grund, dass die Menschen hier nicht vor guter Laune strotzen. Das Leben hier ist gefährlich und die Sterblichkeit hoch. Wessen Gesundheit den zwei Atomkraftwerken auf beiden Elbseiten und den Spritzmitteln der Obstbauern trotzt, der ist vor allem als Jugendlicher immer noch den Gefahren der kurvigen Landstraßen, dem Bewässerungssystem auf den Obstplantagen und den wild herumfahrenden Traktoren ausgesetzt. Da kann es immer mal vorkommen, dass man einen Partyabend nicht überlebt. Schockierenderweise muss ich auch hier sagen: Wenn ich in Berlin besoffen umfalle, ist die Wahrscheinlichkeit, dass mich jemand findet, bevor ich erfroren bin, zum Glück wesentlich höher. Wirklich: Ich finde es immer wieder schlimm, was hier passiert. Ich ziehe meine Kinder später lieber nicht auf dem Land groß. Viel zu gefährlich!


Ist ja klar, dass man für eine so wunderbare Gegend auch einiges bezahlen muss. Nachdem mein Freund und ich uns mangels Alternativen am Samstagabend ins Cinestar in Stade aufgemacht hatten, erlitt mein Freund einen großen Schock. Das Kino ist quasi das einzige im Landkreis. Das winzig kleine City-Kino in Buxtehude hat, seit ich Abi gemacht habe, mindestens einmal geschlossen und wiedereröffnet. Aktuelle Filme werden dort eigentlich nie gezeigt. In Stade hatten wir immerhin die Möglichkeit, „Ohne Limit“ zu gucken. In Berlin wäre der Film nicht meine erste Wahl gewesen. Hier war es die Alternative zum öffentlich-rechtlichen Fernsehabend mit meinen Eltern. Im Kino sagte mein Freund großzügig: „Ich lade dich ein!“ Und ich sagte: „Das wirst du bereuen!“ Im Cinestar Stade gab es nie einen Schüler- oder Studentenrabatt und es wird ihn auch niemals geben. Wieso auch? Gibt’s in Stade Studenten? Nachdem mein Freund fassungslos 18 Euro bar (Kartenzahlung gibt’s nicht) für zwei Kinokarten für einen Film ohne Überlänge hingelegt hatte, wurde er ganz bleich und musste am Snack- und Getränkestand erschüttert feststellen, dass unser Kleingeld nur noch für ein Getränk reichte, weil wir uns den Super-Deal von Bier und Nachos einfach nicht mehr leisten konnten. Auch das anschließende „Lass uns doch noch was trinken gehen“ in der Stader Altstadt musste ausfallen. Nicht weil wir pleite waren – die Automaten der Sparkasse Stade-Altes Land hätten mir noch Geld geben können – sondern wegen „Tote Hose“ in der Innenstadt. Die meisten Kneipen hatten um halb zwölf schon zu. Die einzigen Menschen, die uns über den Weg liefen, waren ein Junggesellenabschied mit einem uralten Bräutigam, dem ich für 50 Cent ein Kondom abkaufen musste (war ja sonst niemand mehr wach) und ein betrunkenes Paar mittleren Alters, die uns fragten „Wo seid ihr denn wech?“ – womit mein Freund immerhin noch in den Genuss einer wunderbaren Lektion Norddeutsch kam, bevor wir uns auf die 20km lange Heimfahrt entlang des Elbdeichs begaben - ein landschaftlich schöne Strecke, versteht sich!