Montag, 21. November 2011

Was sind wir alle hip!

Schon Freitagabend laufen in Kreuzberg auffällig viele hippe junge und nicht mehr ganz so junge Männer und Frauen mit den auffällig unhippen braunen Papiertüten herum, die jeden darüber informieren, dass es auch in Tel Aviv eine Filiale von American Apparel gibt. Berlins Hipster können sich besonders glücklich schätzen. In der Stadt gibt es gleich zwei Läden der Marke. Und dieses Wochenende wird es noch hipper: In der Arena in Treptow findet ein American Apparel Warehouse Sale statt. Wer in der hippen Szene nicht schon über einen der zahlreichen Modeblogs oder die Ankündigung auf FluxFM informiert war, der kann das Event des Wochenendes spätestens dann nicht mehr verpassen, nachdem 5.000 Freunde auf Facebook ihre Anwesenheit bei ebendiesem angekündigt haben. Also, Doc Martens schnüren, den alten Parka anziehen, die ironische Bommelmütze aufsetzen und nix wie hin. 
Am Eingang zur Halle ist eine Schlange. Nicht weil der Andrang so groß ist, sondern weil zwei Sicherheitsleute den Inhalt aller Taschen kontrollieren. Und welcher Hipster geht schon ohne das richtige Accessoire in Form einer coolen Tasche aus dem Haus?! Wonach eigentlich gesucht wird, wird beim Blick auf das Arsenal der Club Mate-Flaschen vorm Eingang klar. Keine Getränke also. Wieso auch sollte das Shoppen am Sonntag eine andere Erfahrung sein als das Clubben am Vorabend. Aufgebrezelt sind schließlich auch alle. Der einzige Unterschied zu Samstagabend ist die Tatsache, dass die Club Mate gerade nicht mit Wodka gemischt ist.
Kaum durch die Taschenkontrolle wird man auf der anderen Seite der Tür von einem durchgestylten jungen Mann mit Clipboard überfallen, der unbedingt die E-Mailadresse haben möchte. Natürlich spricht er Englisch. Hierfür schlägt er einen fairen Tausch vor: E-Mailadresse gegen 20-Prozent-Gutschein für den nächsten Einkauf. Dagegen wehrt sich keiner.
Dann beginnt der Kampf um goldene Glanzleggins, rosafarbene Nylonjacken und viele undefinierbare aber auf jeden Fall ganz ironisch gemeinte und Unisex tragbare Kleidungsstücke. Umkleidekabinen sind was für Landeier. Der echte Mitte-Hipster probiert den textmarkerfarbenen Hoodie, das glitzernde Tube Dress und die transparente Emergency Jacket einfach mitten in der Halle an, während er sich mit seiner Begleitung weiter über die nächste Kampagne oder den nächsten Dreh unterhält.
Auf dem Weg zu Kasse werden die erfolgreichen Shopper über Metallgitter, die man sonst eher von Konzerten kennt, noch an einer Bar vorbeigeleitet, an der eine hippe junge Frau kostenlose Biolimonade mit Rhabarbergeschmack austeilt. Nach einer weiteren Taschenkontrolle am Ausgang werden die Hipster mit ihren braunen Papiertüten in einer und der Biolimonade in der anderen Hand in den Sonntagnachmittag entlassen. Schon zwei Straßenecken weiter ist der Post über das sonntägliche Shoppingerlebnis per iPhone hochgeladen. Natürlich nicht ohne Hipstamatic-Foto.

Freitag, 10. Juni 2011

Alba Berlin vs. Carlo Goldoni

Diese Entscheidung hat letzten Mittwoch Alba Berlin gewonnen. Das heißt, dass wir eigentlich "Der Diener zweier Herren" im Hexenkessel Hoftheater ansehen wollten, dann aber doch kurzfristig vom Theater aufs Basketballspiel umgeschwenkt haben. Zum einen weil eine Open Air - Vorstellung bei dem ekligen Wetter am Mittwoch Abend wohl nicht so angenehm gewesen wäre, zum anderen weil es wesentlich mehr Goldoni-Vorstellungen als in Berlin stattfindende Finalspiele der BBL gibt. Und obwohl ich kein Sportfanatiker bin, schau ich mir hin und wieder gerne ein Basketballspiel an. Basketballfans sind einfach viiiel entspannter, weniger agressiv und weniger betrunken als... äh, zum Beispiel Fußballfans. Ich wage sogar zu behaupten, dass der durchschnittliche IQ bei einem Basketballspiel (bei den Spielern sowieso, bei den Zuschauern aber auch) höher ist, zumindest wirkt es so. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich regelmäßig meine Professorin bei Alba-Spielen antreffe.
Aber auch vom Spielablauf her bin ich großer Basketballverfechter: es geht einfach viel schneller, schließlich ist das Feld wesentlich kleiner und der Angriff nunmal auf 24 Sekunden beschränkt - da gibt es nicht so viel ödes in-der-Mitte-Herumgedümpel wie beim Fußball. Außerdem bleibt es IMMER spannend, eine Mannschaft kann mit 16 Punkten zurückliegen und dann doch noch gewinnen - so wie Alba das am Mittwoch gezeigt hat. Nach einem grottenschlechten ersten Viertel haben die Herren in gelb nämlich am Ende so richtig gerockt und damit den Fluch gebrochen! Der Fluch besteht darin, dass ich noch nie Alba live beim Gewinnen zugesehen habe, quasi immer ein Unglücksbringer war. Jetzt ist das vorbei, sogar gegen die starken Bamberger haben sie gewonnen, die Stimmung in der O2 World war ganz große Klasse und es tut mir gar nicht leid, dass Goldoni nun ein bisschen länger auf uns warten muss. 


 
Ich drücke Alba für die verbleibenden finals ganz fest die Daumen und wage zu prophezeihen, dass dieser Post für lange Zeit der einzige mit dem Label "Sport" bleiben wird.

Freitag, 3. Juni 2011

Der fremde Mann im Schlafzimmer

Ich wollte sowieso schon lange etwas über meine WG schreiben. Denn diese WG, die seit ihrer Gründung 2005 unter dem klangvollen Namen "House of Fun" läuft, schreibt einfach die besten und verrücktesten Geschichten: seltsame Mitbewohner, furchtbare Zwischenmieter, eine unfähige Hausverwaltung, endlose Bauarbeiten, wilde WG-Partys, großartige Küchentischdiskussionen und zwischenmenschliche Dramen. Das ist das pure wahre Leben hier und immer unterhaltsamer als jede Daily Soap. Ich habe schon lange aufgehört, Verbotene Liebe und Lindenstraße zu gucken, weil das, was sich in unserer Wohnküche abspielt, besser ist als alles, was sich die Drehbuchautoren so ausdenken können. Und irgendwann, wenn ich mal arbeitslos, hochschwanger im Mutterschutz oder im Erziehungsjahr bin, schreibe ich ein Buch mit gesammelten WG-Geschichten und tingel damit durch die deutsche Talkshowelite!



Hier schonmal die erste Geschichte auf dem Blog, da das mit der Arbeitslosigkeit sich ja nun erstmal erledigt hat:

Ich bin froh, seit letzten Samstag ein extremes Schlafdefizit mit mir durch die Woche zu ziehen, sodass ich letzte Nacht ganz tief und fest geschlafen habe. Tiefer und fester als in der gesamten Woche zuvor. Gott sei Dank! Denn hätte ich nicht so fest geschlafen und wäre wie meine Mitbewohnerin aufgewacht, dann hätte ich wohl so laut geschrien, dass alles 32 Mietparteien unseres Hauses wach geworden wären. Oder hoffentlich mindestens meine drei Mitbewohner, die mir dann sofort zur Hilfe geeilt wären. Außerdem wäre ich nicht wieder eingeschlafen und würde so lange auf dem Sofa meines besten Freundes übernachten, bis der Zustand geklärt ist. Aber zum Glück  habe ich tief und fest geschlafen, sodass das Schicksal meine Mitbewohnerin traf.

Die lag ebenfalls schlafend und nichts ahnend im Bett, als sie aufwachte, weil jemand in ihrem Zimmer stand. Ein Mann. Ein Mann, den sie noch nie im Leben gesehen hatte. Ein Mann, den auch sonst noch nie jemand der anderen vier Mitbewohner gesehen hatte. Aber das wusste Anna zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise noch nicht und ging davon aus, dass der unbekannte Mann zu mir gehöre.

Mein Mitbewohner Michel, bei dem der unbekannte Mann einige Minuten vorher im Zimmer gestanden hatte, hatte ihn für unseren Mitbewohner Marc gehalten und gedacht, dass dieser sich nach den exzessiven Herrentagsfeierlichkeiten einfach in der Tür geirrt habe. Für Verwunderung bei Anna sorgte dann die Tatsache, dass der unbekannte Mann permanent mit einer Packung Kondome wedelte und offensichtlich doch nicht zu mir gehörte. Denn er fragte mehrfach auf englisch nach dem "Irish girl". Eine Irin haben wir in der WG tatsächlich nicht zu bieten.

Woher kam also der Mann mit den Kondomen? Und wo war die Irin? Und wieso war dieser Mann IN unserer Wohnung und IN Annas Schlafzimmer. Zum Glück erinnerte sich Anna auch mitten in der Nacht und unter Schock stehend daran, dass unser Mitbewohner gerade vor einigen Tagen erzählt hatte, dass in der WG, die gerade neu in die Wohnung gegenüber einzeogen war, eine irische Zwischenmieterin wohnt. Also nahm Anna den Mann mit seinen Kondomen und brachte ihn in die WG gegenüber, wo er mit seinen Kondomen zur gesuchten Irin fand.

Heute Morgen nach einem Krisengespräch beim Frühstück und der Feststellung, dass alle Schlüssel der WG gegenüber in unsere Wohnungstür passen, ging der erste Anruf an die neue Hausverwaltung, die nun ganz schnell beweisen kann, dass sie nicht ganz so unfähig ist wie die alte ist und gaaaaaaaaaaaaaaanz flott, die Schlösser austauscht, damit bitte jeder nur noch den nächtlichen Herrenbesuch empfängt, den er auch so bestellt hat!

Bericht aus Neukölln - Mein Hof ist ein Radio

Neues von unserer Neukölln-Korrespondentin Jana


Manchmal läuft echt gute Musik! Aber ein Innenhof in der Sonnenallee ist natürlich kein ganz normaler Radiosender, etwa mit Nachrichten, redaktionelle Beiträge zu aktuellen Themen und ausgewählter Musik. Hier wird auf einer anderen Welle gefunkt. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob sich alle am Programm Beteiligten darüber im Klaren sind, dass alle Hausbewohner, die ein Fenster zum Hof haben, ihnen zuhören.

Am späten Abend läuft oft eine Diskussionsrunde, gesendet aus einer WG im Erdgeschoss. Der Empfang ist im zweiten Obergeschoss nicht mehr besonders gut, aber ich glaube, es geht dort unten um gesellschaftspolitische Themen. Wenn ich früh schlafen möchte, wünsche ich mir immer, ich könnte die Lautstärke regulieren, aber das  geht nur über das Öffnen und Schließen meines Fensters, und wenn das Wetter gut ist, muss das „Radio Innenhof“ eben an bleiben.

Habe ich also eine Nacht lang die laue Frischluft genossen, kommt es vor, dass der nächste Tag mit einem Beitrag aus dem Bereich „Psychologie“ beginnt. Meist geht es dann um Partnerschaftsprobleme und dysfunktionaler Konfliktlösungsstrategien. Wobei die Art und Weise, wie das Paar aus dem vierten Stock im Seitenflügel diskutiert, durchaus funktional ist – nämlich wenn es darum geht, die gesamte Hausgemeinschaft darüber zu informieren, dass die Kacke am Dampfen ist. Ein konkreter Anlass ist selten auszumachen. Was man vom Streit gut hören kann, sind nur die Höhepunkte gegenseitiger Diffamierungen, die gelegentlich darin enden, dass eine Wohnung- und kurz darauf die Haustür knallt. Oder es ertönt die Stimme des Nachbarn, der die Rolle des Paartherapeuten übernommen hat: „Schnauze!!“, brüllt er durch den Hof, wenn ihm die Diskussion zu lange dauert.

Spätnachmittags gibt es regelmäßig multikulturelle Beiträge, etwa über Freizeitaktivitäten von Austauschstudenten aus Mittelmeerländern. Diese werden klischeegemäß lautstark diskutiert, entweder in Kleingruppen oder am Handy (oder beides), in jedem Fall aber unten im Hof beim Fahrradständer. Schade, dass mein Spanisch so schlecht ist, sonst könnte ich hier womöglich gute Tipps für die Abendplanung bekommen.

Da ich mich allgemein für medizinische Themen interessiere, könnte man meinen, dass mir die entsprechenden Kurzbeiträge eines Nachbarn aus dem Hinterhaus gefallen. Leider ist hierbei aber das Verhältnis von sachlichen Wortbeiträgen und veranschaulichenden Klangbeispielen ziemlich schlecht. Ich habe – trotz wirklich häufigen Zuhörens – immer noch nicht verstanden, was hinter den Geräuschen steckt, die der gute Mann von sich gibt. Ist es eine chronische Bronchitis? Eine anhaltende eitrige Nebenhöhlenentzündung? Oder doch eine Tic-Störung (auch bekannt als „Tourette-Syndrom“), bei der der Betroffene wiederholt Dinge tut, die sozial völlig unangepasst sind, also störend oder gar abstoßend wirken – und all das unwillkürlich und womöglich unbewusst! Alles in allem scheint der Patient einen aggressiven Kampf gegen den Inhalt seiner Atemwege zu bestreiten…

Sehr abwechslungsreich ist beim Innenhof-Radio ist übrigens die Musikauswahl. Häufig zelebriert ein Bewohner den Sonntagvormittag (nicht immer zu einer Zeit, da auch die jungen Nachbarn schon ausgeschlafen haben…) mit ein paar Schmankerln aus seiner Plattensammlung. Oder ist es eine Sammlung von mp3-Dateien von einer Download-Seite für „möglichst gleichförmig klingende, durch die Mainstream-Mühle gedrehte Pop- und Rocksongs farbloser Interpreten“? Nun ja, laut ist es, immerhin. Manchmal schwenkt das Programm dann noch über zu Schlagern (ebenfalls unbekannte Titel), bevor der Respekt vor den Mitmenschen überraschend wieder einsetzt und die Musik verstummt.
  
Ein anderer DJ ( – ist es ein anderer? Der Sound ist genauso durchdringend wie der des Sonntagsprogramms…) legt manchmal Songs von den Libertines, den Beatsteaks oder anderen Bands auf, die zufällig meinem Musikgeschmack entsprechen. Meine Lieblingssendung! Wenn ich doch nur einen dankbaren Hörerbrief schreiben könnte… aber ich weiß nicht, wo der Urheber wohnt.
Zur Entspannung nach dem Mittagessen gibt es regelmäßig eine wunderbare Live-Show: Im Hinterhaus wohnt ein Pianist, der die Zuhörer an seinen Übungsstunden teilhaben lässt. Da lasse ich gern meine Stereoanlage aus und lausche bedächtig, wie er ein hübsches Barockstück einstudiert. Es ist übrigens immer dasselbe Werk… Vielleicht ist dieser Beitrag auch dazu gedacht, geneigten Zuhörern das Meditieren zu nahezubringen!
Neulich habe ich mich getraut, selbst eine Darbietung über den Äther zu schicken: Bei offenem Fenster habe ich gesungen, Gitarre gespielt und den Widerhall von den angrenzenden Häuserwänden genossen. Ob dem Publikum meine Musik wohl gefallen hat? Wortbeiträge von Hörern sind noch selten bei uns im Innenhof. Vielleicht kommen die ja in Zukunft – hoffentlich in Form positiverer Kommentare als „Schnauze!!“…

Der Was-auch-immer-Tag

Als Sara und ich uns gestern auf einen Kaffee trafen, mussten wir erstmal zwischen betrunkenen, grölenden und im Gesicht krebsroten Männerhorden Spießrutenlaufen, denn: es war Herrentag. Oder, wie ich es aus Baden-Württemberg kenne, Vatertag. Oder auch Christi Himmelfahrt, oder anscheinend auch Männertag. Was ist denn dieser Tag denn nun eigentlich?

Laut Wikipedia stammt der Brauch, an diesem ursprünglich christlichen Feiertag den Vater zu ehren, aus den USA. Hier in Ostdeutschland wird allerdings nicht so sehr der Vater geehrt wie der Alkohol. Die gemeinsamen Männerausflüge scheinen ihren Ursprung tatsächlich in der Berliner Gegend zu haben und früher – so ein schönes Wikipedia-Zitat – der „Einweihung der Jüngeren in die Sitten und Unsitten von Männlichkeit“ gedient zu haben. Als mein Freund gestern Abend mit leuchtenden Augen und blauen Flecken, mäßig betrunken und völlig verdreckt zurückkam vom Ballspielen im Wald, fühlte ich mich wie die Mutter aus einer Waschmittelwerbung und dachte mir, anscheinend müssen Männer einfach hin und wieder ihre Männlichkeit demonstrieren. Was auch völlig OK ist, wenn sie den Rest des Jahres mit emanzipierten selbstbewussten Frauen klarkommen und Geschirr spülen. In anderen Kulturkreisen kämpft man mit Bären oder stürzt sich mit einer Liane um den Fuß von einem Holzgerüst. Da ist so ein bisschen saufen und Ballspielen doch harmlos.


Allerdings hab ich dann doch einen Verbesserungsvorschlag: Am Frauentag sollten (abgesehen von Demonstrationen zur Gleichberechtigung, die natürlich auch wichtig sind) alle Frauen in großen Gruppen kichernd, quietschend und sekttrinkend durch die Gegend ziehen und den einzelnen, verschüchtert vorbeihuschenden Männern Anmachsprüche hinterhergrölen. Wer ist dabei?

Samstag, 28. Mai 2011

Kein Reisetipp: Osterode am Harz


Manchmal ist es ja auch gar nicht schlecht zu wissen, was man sich ersparen kann. Falls einer der angeblich 23.000 Einwohner Osterodes (wo haben die sich bloß alle versteckt?!) diesen Beitrag lesen sollte: Ich war nur einen Tag da und habe bestimmt die Stadt nur nicht richtig zu schätzen gelernt. Für alle anderen: Macht woanders Urlaub!
Ich war letztes Wochenende für die Schulung eines Sprachreiseunternehmens in einer Jugendherberge in Osterode. Name: "Mit Harz und Seele" - ist das nicht harzallerliebst? Um zu genannter Herberge zu gelangen, muss man einmal durch die gesamte Altstadt laufen. Die ist schon irgendwie süß; ich habe noch nie außerhalb Baden-Württembergs so viele Fachwerkbauten auf einem Haufen gesehen und es ist wahnsinnig sauber und mit Blümchen geschmückt... und stinklangweilig. Denn was fehlt, sind Menschen. Es gab noch nicht einmal vorbeifahrende Autos, die man nach dem Weg hätte fragen können. Gut, es war ein Sonntag, aber man stelle sich bitte mal die von Brunchern und Bummlern überfüllten Gehwege Berlins vor!
Man mag mit Recht entgegnen, dass man in den Harz auch nicht wegen seiner flippigen Großstädte, sondern wegen der Natur fährt. Die ist ja auch wirklich... äh, grün. Von der Bahn aus konnte ich tatsächlich auch ein paar Berge sehen, aber nicht in einer Größendimension, die mich als Fast-Schwarzwälderin hätte beeindrucken können. Trotzdem ist es bestimmt ganz nett, dort zu wandern. Und eine Burg soll es bei Osterode auch geben.
Wirklich lustig ist allerdings der "Bahnhof" von Osterode, den wir beim Rückweg trotz Navi und Wegbeschreibung nicht wiedergefunden haben. Es gibt nämlich kein Bahnhofshäuschen, sondern einen klitzekleinen durchsichtigen Unterstand. Ich hatte mich schon gewundert, warum auf dem Ausdruck meiner Bahnverbindung keine Gleisnummer angegeben war, aber natürlich - es gibt eben nur eines. Für beide Richtungen. Da ist jede Berliner Straßenbahnhaltestelle größer!
Oje, ich bin ein Großstadtsnob geworden.

Mittwoch, 25. Mai 2011

Same procedure as every year


Was ist nur mit den isländischen Vulkanen los! Was haben die in den letzten Jahren bloß für ein Geltungsbedürfnis entwickelt? Wollten die auch unbedingt mal in die internationalen Medien oder was? Wenn es das war, dann haben sie ja ihr Ziel inzwischen erreicht und können aufhören, wie wild herumzuspucken und ganz Europa mit ihrer Asche zu terrorisieren.

Als ich am Montag im Büro in den Radionachrichten vom Ausbruch des Grímsvötn und ersten gestrichenen Flügen in Irland und Großbritannien hörte, dachte ich echt, die lesen aus Versehen die Nachrichten vom letzten Jahr vor. Und nachdem ich mich auf Google etwas ausführlicher informiert hatte, machte ich drei Kreuze, dieses Jahr warm, trocken und sicher im Büro in Berlin zu sitzen und bis Oktober keine fluggebundenen Reisepläne zu haben. Doch ein Blick auf die Facebookstartseite genügt, um zu sehen, dass auch dieses Jahr wieder einige Leute betroffen und genervt sind.

Letztes Jahr erschien mir die ganze Sache noch viel absurder: Ich saß mit zwei Freunden mit unfassbar günstigen Cocktails und noch günstigerem Angkor Wat-Bier am Strand von Sihanoukville , als ich die SMS meines Ex-Freundes erhielt: "Der Frankfurter Flughafen ist wegen isländischer Vulkanasche gesperrt." Wir wussten nicht so richtig, ob wir das für einen verspäteten Aprilscherz, eine unwichtige Meldung oder eine tatsächlich relevante Nachricht für unsere weitere Reiseplanung halten sollten. Kurz darauf schrieb meine Mutter, dass sie allein zu Hause sei, weil mein Vater in Hongkong festsitze und sie auf der Terrasse die Ruhe ohne Flugzeuge genieße. Wenige Stunden später rief mein Vater aus Hongkong an und berichtete, dass er mit zahlreichen Kollegen festsitze und sich jetzt erstmal ein Hemd schneidern lasse. Wir tranken noch ein paar günstige Bier und stellten uns vor, dass es in ganz Europa völlig dunkel sei wie nach einem Bombenangriff, weil wir nicht wussten, wie man sich die flugverkehrsgefährdende Vulkanasche sonst vorzustellen hat.

Die nächsten Tage verbrachten wir neben den normalen Alltagsreiseaktiviäten in Phnom Penh mit dem regelmäßigen Schauen der Nachrichten der Deutschen Welle, die sich um nichts anderes mehr drehten als gestrandete Passagiere, gestrandete Waren, gestrandetes Gepäck, überforderte Fluggesellschaften, busreisende Kanzlerinnen und einen knallharten Ramsauer (oder ist das dieses Jahr neu?). Ich telefonierte regelmäßig mit meinem gestrandeten Vater, der die verlängerte Dienstreise mit Bootsrundfahrten mit gestrandeten Piloten und gestrandeten Flugbegleiterinnen verbrachte und mir riet, so lange in Phnom Penh zu bleiben, bis wieder Flüge von Bangkok nach Europa gingen.



Sobald die ersten Flüge aus Hongkong starteten, stieg mein Vater dort ins Flugzeug und ich in Phnom Penh. Das war eine ganz blöde Idee und der Grund, weshalb ich bis heute schlecht auf Bangkok und isländische Vulkane zu sprechen bin. Denn die Tatsache, dass in Bangkok wieder Flüge nach Frankfurt starteten, hieß leider nicht, dass ich zu den ersten der etwa 900 rückgestauten Passagiere gehörte, die mitfliegen durften. Abend für Abend startete die 23:55 Maschine ohne mich in Richtung Europa. Und im Gegensatz zur Kanzlerin stand bei mir die Möglichkeit, mit dem Bus zu reisen, völlig außer Frage.

Drei unendlich lange Abende am Flughafen, drei kurze Nächte zwischen bekifften Backpackern auf der Khao San, einige verheulte Telefonate mit Papa, einen viertstelligen Ticketpreis und den ersten Businessclassflug meines Lebens später war dann meine persönliche Eyjafjallajökull-bedingte Odysee in Frankfurt beendet - eindeutig luxuriöser als bei Frau Merkel.

Und dieses Jahr muss ich mich glücklicherweise nicht auf die Deutsche Welle (die ich ja nicht mehr mag, weil sie mich inzwischen ZWEI Mal als Volontärin abgelehnt haben) und Telefonate in die Heimat angewiesen zu sein. Stattdessen kann ich zu Hause auf dem Sofa sitzen, Tagesschau gucken, Mitleid mit allen betroffenen Passagieren haben und mich zu freuen, dass ich gleich in mein eigenes Bett gehen kann.